Ein Künstler beantwortet nichts. Aber er hat vielleicht dieselbe Fragestellung wie ich
Im September startete eine Ausstellung des britischen Street-Art Künstlers Boxi die ‘Reinkingprojekte’. Der Hamburger Sammler und Kurator Rik Reinking plant eine lang angelegte Ausstellungsreihe in neuen Räumlichkeiten. Ein Gespräch.
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Links zum Interview
ART MAGAZIN Interview von Alain Bieber
SPIEGEL Reportage von Jenny Hoch
ABENDBLATT Artikel von Vera Altrock
DEUTSCHLANDRADIO Reportage von Hartwig Tegeler
NDR KULTURJOURNAL zum Skulpturenprojekt City Nord
FLICKR Fotostrecke zur Ausstellung Call It What You Like!
REINKINGPROJEKTE Website
SAMMLUNG REINKING Website
DARE: Rik, wie bist du an die Räumlichkeiten in der Sillemstraße gekommen?
Reinking: Gefunden habe ich die Hallen vor zwei Jahren. Wir haben zunächst viel Arbeit in die Renovierung gesteckt, die Räume zunächst als Büro und Lager genutzt, jetzt ist ein klassischer Galerieraum daraus geworden. Eine richtige scheiß-kommerzielle Galerie (lacht). Ich habe sozusagen die Fronten gewechselt und bin jetzt einer von den richtigen Galeristen.
DARE: Das heißt letztlich: Als Galerist hast du ein anderes unternehmerisches Profil. Du bist für den Aufbau der von dir vertretenen Künstler verantwortlich.
Reinking: Absolut. Aus diesem Grund habe ich auch nicht 250 Künstler im Galerieprogramm, sondern knapp zehn. Ich bin aber insofern kein klassischer Galerist, dass ich keine Exklusivvertretung betreibe. Eine Haltung, zu sagen: Das ist mein Künstler, der bleibt bei mir in der Galerie, hat mich null interessiert.
DARE: Es gibt natürlich auch eine Haltung des Künstler, der entweder entscheidet, seine Kunst allein und direkt zu distributieren, oder entscheidet, dafür einen Galeristen zwischen zu schalten. Als Manager.
Reinking: Bei dieser Funktion greifen die üblichen finanziellen Regelungen des Galeriebetriebes. Nam June Pike hat zugespitzt mal etwas gesagt wie: Nicht der Künstler ist der Künstler, sondern derjenige, der es schafft, das Zeug zu verkaufen. Als Galerist jedenfalls gibt man permanent Input, um ein Level zu halten, um den Apparat am Laufen zu halten.
DARE: Das klingt nach Marketingmethoden, die zunehmend auch den Kulturbetrieb bestimmen. Markenführung, Labelling und strategische Unternehmensführung halten auch hier Einzug. Und bestimmen Erfolge.
Reinking: Es wäre völlig naiv zu sagen, der Kulturbetrieb würde davon ausgelassen. Davon lebt der Betrieb. Aber man muss den Kern im Blick behalten: Worum geht es in der Kunst? Was bestimmt die Qualität guter Kunst? Ein guter Künstler ist in seinem zeitlichen und gesellschaftlichen Umfeld wach und aufmerksam, er fängt symptomatische Momente ein, setzt darüber seine ganz eigene Bildwelt und vermittelt die Momentaufnahme so, dass Betrachter aus unterschiedlichen Hintergründen ganz unterschiedlich auf die Arbeit zugehen. Essentiell ist, dass die Kunst den Betrachter berührt, dass die Kunst Fragen stellt. Dann ist es gute Kunst; die natürlich sichtbar und zugänglich gemacht werden muss. Wenn ich dir eine Arbeit zeige, sind wir zwei, die darüber sprechen, wenn ich sie hundert Besuchern zeige, sind es 99 mehr. Eine künstlerische Arbeit ist im Entstehungsprozess ein sehr privates Moment, eine Frage, die der Künstler sich ganz privat stellt. Die Arbeit muss aber im Zuge der Veröffentlichung breiter Diskutiert werden, um zu sehen, ob der Ansatz hält, ob die Frage des Künstlers eine allgemeingültige ist. Das lässt sich erst durch öffentlich Machung überprüfen. Indem man die Arbeit zur Diskussion stellt. Manche Positionen lösen geringe Reaktionen aus, andere treten innerhalb kürzester Zeit heftige Reaktionen los. Dieser Effekt kann auch nach kurzer Zeit wieder verpuffen. Am Markt stösst man als Sammler auf Arbeiten, wo man sich fragt: Halten die ein, was sie versprechen? Die Preise schießen nach oben, bedeutet das, dass sie dort bleiben? Bei einigen Künstlern hoffentlich nicht, bei anderen hoffentlich ja.
DARE: Welche Messlatte legst du an, wenn du a) sammelst oder b) ausstellst? Ist das ‘der neue heisse Scheiss’? Am ‘Puls der Zeit’? Sind das bereits Klassiker oder ‘der neue heisse Scheiss’, der das Potential zum Klassiker in sich trägt?
Reinking: Ich muss mich zunächst selber befragen: Was macht die Arbeit mit mir? Es gibt Arbeiten, die ich als Sammler unbedingt für die Sammlung haben möchte. Ich stoße auf Künstler, von denen reicht mir eine exemplarische Arbeit, es gibt andere, da interessiert mich jede neue Werkgruppe. Eine ganz und gar private Einschätzung, die ich vor mir selber und vor dem Sammlungskontext verantworte: Immerhin wird jede neue Arbeit in Nachbarschaften eingereiht, sofern man eine Sammlung nach dialogischen Prinzipien gestaltet.
DARE: Wie muss man sich das vorstellen?
Reinking: Indem ich eine Position aus den 60ern mit einer aus den 80ern und einer heutigen in einen Raum bringe und sage: Das ist für micht relevant, die haben für mich etwas miteinander zu tun.
DARE: Das läuft stark intuitiv ab, oder?
Reinking: Unbedingt. Eine Sammlung ist schließlich ein privater Einblick. Es gibt beim Sammeln von Kunst eine schier unerschöpfliche Auswahl an Möglichkeiten. Als privater Sammler hat man die volle Befugnis zu entscheiden, was für einen relevant ist. Wenn man nun eine Sammlungspräsentation macht, ist das auch immer eine Visitenkarte. Man stellt sich vor die Sammlung und sagt: So, das bin ich.
DARE: Wir saßen vergangene Woche in anderer Runde zusammen und haben den halben Abend über Möbel gesprochen. Gibt es wohlmöglich Parallelen beim Sammeln von Kunst und dem Arrangieren von Interior-Design? Immerhin werden auch dort Solitär-Stücke in Kombination zueinander gebracht.
Reinking: Es gibt aber einen grundsätzlichen Unterschied, der beides nicht miteinander vergleichbar macht: Kunst soll innerhalb einer Sammlung nicht unbedingt ästhetisch zueinander passen. Es geht um inhaltliche Bezüge. Design harmoniert auf der Oberfläche. Über die Form. Darüber darf in Fragen der Kunst nicht Bezug genommen werden. Hier geht es rein um den transportierten Inhalt. Was mich zu Beginn bewogen hat Kunst zu sammeln war: pure Hilflosigkeit. Ich hatte keine Antwort auf entscheidende Fragen: Was ist Zeit? Was ist Raum? Was ist Struktur? Wie lässt sich das greifen? Wo stehe ich selber darin? Ein Künstler gibt darauf natürlich keine Antwort, aber er beschäftigt sich mit ähnlichen Fragestellungen, bietet mir eine Idee, eine Interpretation.
DARE: Der Künstler kann dir eine Fragestellung abnehmen, die man selber nicht in der Lage ist, befriedigend zu beantworten? So dass man sagen kann: Mensch, der hat die Antwort gefunden, auf die ich selber nicht gekommen bin.
Reinking: Ehrlich: Der Künstler beantwortet gar nichts, der kann nur ähnliche Fragen stellen. Und ich kann versuchen, eine nähere Idee davon zu bekommen.
DARE: Würdest du sagen, folgender Rückschluss ist möglich: Du kennst einen Künstler nur über sein Werk, das du sehr schätzt und vertraut findest. Und du lernst den Künstler als Person kennen und weisst, mit dem werde ich mich gut verstehen?
Reinking: Meine Erfahrung sagt mir: ja. Das gilt auch für Künstler untereinander. Mir passiert das oft: Ich sehe Arbeiten, die begeistern mich außerordentlich und passen meiner Einschätzung nach super zusammen, ich kann nicht einmal genau sagen, warum. Jedenfalls stecken wirklich immer Menschen dahinter, die – wenn sie sich über eine Ausstellung kennen lernen – feststellen, dass sie dieselbe Sprache sprechen. Boxi und Daniel Man haben sich nicht gekannt, bis sie anlässlich einer Gruppenausstellung aufeinandertrafen und feststellten, beide haben eine schon manische Ausenandersetzung mit Kaffee und haben so skurrile Hobbies wie Jagdmesser sammeln. Die heben am Ende des Abends gemeinsam Didgeridoo gespielt, der eine auf einer Posterrolle, der andere auf einem Staubsaugerstutzen. Ein schönes Beispiel für die internationale Sprache von Kunst.
DARE: Menschen wie wir haben in diesem Zusammenhang gewissermaßen die Rolle von Vermittlern, von Ermöglichern: Wir initiieren Plattformen, bringen Menschen zusammen und ziehen uns wieder zurück, wenn wir merken, die Sache rollt.
Reinking: Aus diesem Grund muss ich auf Eröffnungen auch gar nicht mehr zugegen sein. Den Aufbau begleite ich sehr gerne. Ich schaue, probiere zusammen mit dem Künstler die Höhe, in der die Arbeit hängen muss. Es ist gut, zu erleben, wie in solchen Situationen Energien frei gesetzt werden und Künstler gemeinsam Folgeprojekte aufsetzen. Als derjenige, der den gesamten Prozess des Aufbaus erlebt hat, bin ich am Abend der Eröffnung immer derjenige, der nicht zufrieden sein kann; weil ich als einziger weiss, was ich am Tag nicht mehr geschafft habe.
DARE: Deine Präsentationsform – egal ob als Sammler, Kurator oder Galerist – ist recht klassisch: indoor, white cube, geradezu museal.
Reinking: Geradezu spießig. Die Art der Präsentation liegt auch an dem klassischen Zyklus: der Künstler erstellt eine Arbeit, ich erwerbe sie, stelle sie aus, archiviere sie. Ein Zyklus, der dem Künstler am meisten hilft. Wenn ich eine Arbeit erwerbe, kommt der Künstler damit vielleicht über den nächsten Monat, damit ist nicht entscheidend viel beigetragen. In dem Moment, da ich die Arbeit ausstelle, öffentlich zugängig mache, an andere Häuser verleihe, fördere ich den künstler viel mehr als durch blosses Mäzenatentum. Ich binde mir den operativen Klotz ans Bein: Logistik, Lager, Transporte. Zur Gewährleistung der finanziellen Grundabsicherung eines Künstlers gehört letztlich auch, dass ich Arbeiten aus der Sammlung mit Gewinn weiter verkaufe. Und so weiterführende Projekte finanziere.
DARE: Klingt in der Tat arg nach Produktzyklus. Eine künstlerische Arbeit wird gehandelt und distributiert wie ein Produkt. Du könntest auch einen grundsätzlich anderen Ansatz verfolgen: Die Materialität einer künstlerischen Arbeit nicht als entscheidend ansehen, sie nicht im Fundus, im Lager haben. Und stattdessen temporäre Inszenierungen fahren, abends, draußen. Einen flüchtigen Moment mit dreißig Beobachtern teilen, den Moment auf Video dokumentieren, und außer Erinnerung und YouTube bleibt nichts davon.
Reinking: Schau, wir haben in Berlin bei einem Street Art Projekt fünf Brandwände beklebt, das kostet vierstellige Summen nur für Kleister. Am Ende hast du einen riesen Kostenapparat für ein Projekt angestoßen, das ein paar Tage später wieder aus dem urbanen Raum verschwunden ist. Diese Projekte finanzieren natürlich in keiner Weise Miete und einen vollen Kühlschrank. Wertschöpfung innerhalb eines Reinkingprojektes ist für den Künstler elementar, weil er nicht auf einen anderen Tagesjob angewiesen sein darf. Es gibt zu viele Beispiele von guten Künstlern, die am Supermarkt an der Kasse sitzen und daneben keine Zeit mehr für ihr Werk finden.
DARE: Oder das – gerade für Hamburg typische – Beispiel von Künstlern, die erwarten, von der Kulturbehörde unter Artenschutz gestellt und durchgefüttert zu werden.
Reinking: Eine klassische Opferrolle, in der sich viele einrichten: das nicht entdeckte, nicht anerkannte Genie. Eine zutiefst eitle Motivation.
DARE: Würde man diesem Muster etwas positives abgewinnen wollen, liesse sich sagen: es stellt eine Form des Citoyen dar; das gesellschaftliche Regulativ des Intellektuellen, der sich zu Wort meldet. Aber da reichen ja ein knappes Dutzend (beide lachen).
Reinking: Im Ernst: diese Opferrolle steht für unsere ganze Generation. Ich denke aber, zum erwachsen werden gehört, dass man laufende Kosten hat und darüber nachdenkt, wie man diese laufenden Kosten deckt.
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1. Januar 2009, 20:39 Uhr
yo…
super!…
14. Januar 2009, 18:13 Uhr
Die Überschrift reicht schon, auch wenn sich das Interview irgendwie versteckt, ist der Genius unverholen erkennbar.
“Nicht mit den Ohren kaufen, sondern den Augen” (und bei hoffenden Jungkünstlern vor allem nicht mit Geld) .. das hatte das Kulturjournal vergessen, als sie “Reinkings Rezept” enthüllten.