Mit dem Kanon auf Spatzen schiessen
Text: Christopher Worm
Jo Strobo!
Mann, Mann, Mann, ‘nen schlechteren Start für mein neues Leben hätte sich das Schicksal kaum erdenken können. Bin zwar endlich den Wirren der Großstadt entkommen, aber die von mir so dringend erhoffte Ruhe kann ich auch hier nicht finden. Von meinem Unfall beim Wüstenrennen immer noch nicht genesen, bin ich nach wie vor an meinen klapprigen Einachser gebunden und kann mich nur sehr mühselig fortbewegen. Ablenkung hab ich kaum! Meine Zwanghaftigkeit zur Systematisierung dürfte dir ja noch aus unserer gemeinsamen Studienzeit in Erinnerung sein. So habe ich vor meinem Umzug meine gesamte Einrichtung alphabetisch sortiert und aus Solidarität eines im Alphabetsehrweit- hintenstehenden bislang nur die Buchstaben V-Z mitnehmen können. Sehr ertraglose Buchstaben, wenn man meine Situation in Betracht zieht: Ein Haufen Wörterbücher und so nutzlose Dinge wie die Zitruspresse, zwar wäre da noch mein alter Videorecorder und ein paar dazugehörige (VH-S) Kassetten, aber ohne Fernseher…
Gefangen in diesem Dilemma gucke ich aus dem Fenster und lasse die neuerworbene Idylle auf mich wirken – wie gerne würde ich aufspringen und die vielfältige Natur dieser Region, die man mir so warm empfohlen, erkunden oder wenigstens den Nachbarn in der Küche beim Streiten zugucken, aber die gibt es hier nicht. So bleibt mir nur Geduld und der Blick in den kargen Hof meines kleinen Anwesens.
Doch schneller als erhofft wird die Stille durchbrochen – scheinbar aus dem Nichts treten drei einheitlich bunte Kleinwagen mit quietschenden Reifen auf die Bildfläche. Fünf Männer steigen aus, von denen ich fest überzeugt bin, sie aus dem O2 – Shop in den schwach frequentierten Harburg-Arkaden zu kennen, und bilden einen okkultistisch anmutenden Kreis. Aus ihrer Mitte vernehme ich ein panisches Quieken. Sie haben eine Sau durch spezielle Wischtechnik mit Tarnfarben überzogen und attackieren sie mit ihrem gesamten Büro-Equipment. Ich sehe, wie einer dem Tier den Ringelschwanz ans linke Hinterbein tackert. Ein anderer hackt ihm mit seinem Brieföffner beide Augen aus. Wieder ein anderer stempelt dem Opfer scheinbar wahllos Nullen und Einsen auf den Rücken.
„Lasst die arme Sau doch in Ruhe, ihr Schweinepriester!!!“, rufe ich durch das geöffnete Fenster. Doch sie zeigen keine Reaktion. Was tun in meinem jammerhaften Zustand ? Kein Telefon, keine Schusswaffen, noch nicht mal eine Kamera, um das ganze für Beweiszwecke festzuhalten. Nur eine Zitruspresse, Wörterbücher und ein paar Videos. Na gut, warum eigentlich nicht, denke ich mir, wenn die Industrie sich schon mal die Mühe macht, unsere Medien zu digitalisieren, kann ich auch ruhig dazu beitragen, den analogen Überbleibseln einen neuen Nutzen zu geben! Mit verkniffenem Charles-Bronson-Blick pfeffere ich dem ersten eine Kassette direkt zwischen Ober- und Unterkiefer, also in den Mund! Er spuckt sie aus und macht unbeeindruckt weiter. „Schleudert die Purschen zu Poden“, fordere ich lauthals und lasse meine Monty-Python-Sammlung auf sie niederprasseln – die Kassetten zerschellen an ihren Köpfen – sie zeigen keinerlei Regung. „Righty-Right-Brüder, seid ihr bereit für ein bisschen Ultrabrutale?!“, schreie ich und halte den Flegeln werfend einen Spiegel vor, versuche ihrem sadistischen Hedonismus ein Ende zu setzen. Aber auch diese Salve geht vollkommen daneben. Sie lachen verächtlich und legen sich nur noch mehr ins Zeug. Jetzt werde ich sauer, wollte ich bis dato die Peiniger nur vertreiben, erwacht in mir nun der Killerinstinkt: Ich nehme den Videorecorder, schleudere ihn in den satanischen Mob und treffe… das Schwein.
So wirkungslos, wie meine vorherigen Attacken waren, um so vernichtender war diese. Ich hatte das Tier doch tatsächlich mit einem Wurf enthauptet. Höhnisch grinsend verschwinden sie wieder in ihre Autos und lassen Kopf und Rumpf der Sau zurück…
Am nächsten Morgen sehe ich, wie jemand aus der Dorfgemeinde „Schweinemörder“ mit dem Blut des grausam verstümmelten Kadavers an meine Frontwand geschrieben hat. Ich stehe vollkommen alleine da, verstoßen – noch bevor ich aufgenommen wurde. Ich hätte es wissen müssen, mit gewissen Medien lässt sich einfach keine Moral transportieren. Wenn ich jetzt neue Videos kaufe, frag ich lieber noch mal die Süddeutsche, und die Kartons kann dann auch gleich ProSieben packen und alphabetisch ordnen, meinetwegen auch nach Jahrzehnten, ich selber aber bin unfähig, total unfähig…
Komm mich doch mal besuchen, dann trinken wir ‘nen schönen Whisky zusammen…
Dein Jeff, äh, ich meine Raf
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