Was fehlt

Text: Anne Köhler

Alles was fehlt

Sie würde sich Mädchen nennen, aber Kinder sagen „die Frau“ zu ihr. Agatha malt zwei Punkte. Sie verbindet die beiden Punkte mit einem Strich. Ist doch ganz einfach, denkt sie. Wortfindung_ Sie ist in der Stadt unterwegs ohne Namen, damit keiner sie rufen kann und Antworten fordern oder Reaktionen. Die Detektivaugen, die sie aufgesetzt hat, machen sie unsichtbar. Die Menschen in der Fußgängerzone sich alle verloren haben, stellt sie neue Familien zusammen: den Kindern neue Eltern und Großeltern, aber manche Gestalten läßt das Mädchen auch ganz allein, die haben keine Familie mehr, befindet sie und schaut diese Leute dann ganz traurig an. Zu viel ist vage und ungerecht, zu viele sind allein, denkt das Mädchen und lehnt sich gegen die Eisenstatue einer Frau. Die Statue würde erst bei plötzlichem Verschwinden bemerkt werden, so ist das oft, denkt das Mädchen, und: gut, daß mir nichts fehlt. Nur ein Name. Aber nicht, daß dann etwas anderes fehlt, wenn der Name erstmal da ist.



WAS FEHLT INS DER BEZUG ZUR REALITÄT

Zuhause ist es warm, sie zieht die Mütze ab und den Schal, die Handschuhe, stellt sich ans Fenster, plötzlich spürt sie, wie Tom in den Türrahmen tritt, sie bleibt so stehen, ohne sich umzudrehen, „Agatha?“, hört sie ihn flüstern und macht die Augen zu. Schöner Name, denkt sie. Agatha schaut aus dem Fenster. Tom würde sagen, daß es Hunde und Katzen regnet. Agatha hat eine lebhafte Phantasie, ist im dritten Stock und stellt sich das vor. Wie sie am Fenster vorbeisausen und auf den Asphalt aufschlagen, Siamkatzen, Yorkshire-Terrier, Pudeldamen, denkt schnell über Atome in der Nordstadt nach, über Staubkörner im Weltall. Um die Hunde und Katzen, die vom Himmel fallen, zu vergessen, bestellt Agatha sich ein singendes Telegramm. Verloren gehen_ Wenn Agatha zum Flughafen fährt, um die Flugzeuge und Menschen zu betrachten, nimmt sie ihren Paß mit. Für alle Fälle.

WAS FEHLT IST ORDNUNG

Agatha macht eine Strichliste, zählt die Menschen um sich herum und die Taschen und Hüte, mit Zahlen geht sie sorgfältig um, die müssen präzise sein, denkt sie, damit alles eine Ordnung hat. Zu viel ist in Unordnung, denkt Agatha.

Aufräumen – Innen ist beim Aufwachen alles in Unordnung und Agatha wundert sich, daß der Zustand sich nicht auch nach Außerhalb verlagert hat, daß Decke und Boden in der Nacht nicht den Platz getauscht haben, sie jedenfalls kommt sich sehr vor wie kopfüber. Wie sie so durch die Stadt laufen soll fragt sie sich, mit all den vertauschten Gliedmaßen, die nach irgendwo abstehen und nicht mal wie ein Strichmännchen aussehen mögen. Heute ist sie ein Kopffüßler, wie die Kinder sie malen, die Beine wachsen aus dem Hals heraus, die Arme auch, der Rumpf ist verschwunden, die Lunge, die Rippen, das Herz. Alle Knochen gerade und aneinandergereiht, Beine wie Stelzen aus Holz und das Gewicht des Kopfes zu groß zum Tragen. Ob die Blutbahn so überhaupt noch funktionieren kann, wenn kein Organ zum Pumpen mehr da ist. In der Fußgängerzone scheint niemand etwas zu bemerken, nicht das Staksen der Füße und nicht das Rudern der Arme, um Gleichgewicht bemüht. Nur ein kleiner Junge sitzt auf einem Quadratwürfel aus Beton, seine rote Mütze sticht in den grauen Himmel und er verfolgt sie mit den Augen. Sie holt zwei Kugeln Eis und setzt sich auf den Würfel neben ihm, hält ihm die eine Eistüte hin, und er schaut sie an, weitet seine Augen aus, als könnten sie so mehr erfassen als die äußere Gestalt.

„Es ist zu kalt für Eis“, sagt er, „es ist Winter, hast du das denn noch nicht bemerkt?“. Agatha ist froh, daß er du zu ihr sagt. „Aber ist es nicht gut, wenn es außen kalt ist und innen auch?“,fragt sie und beißt in die kalte Masse. „Jemand wie dich habe ich heute morgen gemalt“, meint er und greift in seinen Rucksack, holt ein Bild heraus, mit diesen Menschen ohne Körper, nur Arme und Beine und Köpfe. Es sind zwei, und sie halten sich an den Händen und die Münder lächeln breit und blau. „Warum haben sie blaue Münder?“ „Ihnen war kalt“, sagt er, „und sie haben Eis gegessen und da sind die Lippen blau gefroren“, sagt er und nimmt ihr die zweite Eistüte aus der Hand.

WAS FEHLT SIND MENSCHEN, MANCHMAL

Wenn noch kein Schnee liegt und der Himmel grau von oben drückt, ist es am schlimmsten. Weil keiner sagt, daß Agatha sich warm anziehen soll und die Mütze nicht vergessen. Dass sie sich die Haare fönen und eine Wärmflasche machen muß. Daß das Essen auf dem Herd steht. Manchmal schaut Agatha trotzdem nach.

Viktor – Auf Agathas neuen Tassen sind Buchstaben drauf. Das A ist sie, und beim Morgenkaffee stellt sie auch das V mit auf den Tisch. Wie das wohl sein mag, wenn man morgens aufwacht und weiß, wer man ist und wo, wenn man schon zu sich gekommen ist und die Träume abgeschüttelt hat wie Viktor, fragt sich Agatha. Dann kann man gleich sprechen, über den Tagesablauf und was man vorhat und über Gott und die Welt und die Menschen und das Leben, und nur einmal kurz „du schläfst wohl noch“ in dem Redeschwall unterbringen. Wie das wohl sein mag, wenn man so sicher ist, was für einen selbst richtig ist und was falsch. Agatha kennt diese Kategorien nicht, sie teilt ein in „tut gut“ und „tut weh“ oder, im schlimmsten Fall, „ist mir egal“.

WAS FEHLT IST EINER DER BLEIBT.

Viktor spricht zu schnell, so schnell, daß gar keine Lücken da sind, nicht einmal nach den Fragen, die er stellt. Er spricht heute über die neueste Nahrungsforschung, sagt was von „five a day“ und bewegt sich zu schnell für Agathas Augen, verursacht nur tanzende Flecken, bunt auf dunklem Grund. Agatha überlegt zu schreien und schaut schnell aus dem Fenster. Viktor mag nicht, wenn sie da steht, „ich weiß nie, ob du nur rausschaust oder gleich runterspringst“, hat er mal gesagt. Aber Agatha neigt nicht zu den einfachen Lösungen.

Als Tom fort ist, wird es still in Agatha. Fürs „Ich bleibe“, ist Agatha nie schnell genug gewesen, manchmal fehlt der Mut den Kopf hoch- und dem Blick standzuhalten, sie kann gut mit den Schultern zucken und sagen: „Nagut, ist jeder für sich allein, gut so.“

Bleiben – Toms Namen hat sie schon vergessen. Aber sie könnte ihn überall hinstellen: sie weiß wie er aussieht im Schnee mit blaugefrorenen Lippen. Sie weiß, wie er mit Händen und Füßen zappelt, wenn er dann ins Warme kommt.

Sie weiß, wie sich das Lachen abstuft und weiß, wie er schaut, wenn er meint: geh!

Als er ehrlich „Geh!“ sagt, fängt sie zu lügen an, sie gräbt tief und schüttet Wasser rein und Wälle auf, stellt sich mit Betonschuhen auf den kleinen Berg und hört niemandem mehr zu. Und dann sind die Stimmen weg wenn Agatha sich wieder traut, aufzuschauen, dann wird es ruhig in ihr und still, weil wieder jemand fort ist, man braucht nur lange genug zu warten, damit einer geht, und die Angst mitnimmt und dann ist es still und ruhig und der Berg kommt Agatha höher vor und das Wasser tief, Toms Namen hat sie wirklich längst vergessen.

WAS FEHLT IST EINE GEBRAUCHSANWEISUNG

Weil Agatha heute mit nichts etwas anzufangen weiß, geht sie los und kauft sich ein neues Elektrogerät, liest die Gebrauchsanweisung und benutzt das Gerät den ganzen Tag nach Vorschrift. Schlafen_ Agatha wacht auf, erst mit einem Auge, dann mit dem anderen. Als sie beide gleichzeitig aufmacht, können sie sich nicht einigen, da zieht sie sich die Decke über den Kopf und bleibt den ganzen Tag im Bett.

WAS FEHLT IST EIN GEGENMITTEL

Fieber – Agatha hat nur eine einzige Schachtel mit Tabletten zu Hause, und die ist nicht einmal von ihr. Sie liest die Packungsbeilage. Unter den Nebenwirkungen stehen Dinge, die irgendwer erfunden hat, eine schwarze Haarzunge, anaphylaktischer Schock, Herzjagen, Sinnestäuschungen, Blutdruckabfall bis hin zu bedrohlichem Schock. Und es kann zu Geschmacksveränderungen kommen. Agatha schluckt zwei der Tabletten und kauft im Supermarkt ein Kilo Rosenkohl und Quarkkeulchen in der Bäckerei. Nur zur Sicherheit.

WAS FEHLT IST EINE ERINNERUNGSENTSORGUNG

Bausatz – Jede Sorge steckt Agatha fein säuberlich in eine Streichholzschachtel. Sie macht Luftlöcher hinein, damit sie nicht zu miefen anfangen. Eine einzelne Streichholzschachtel ist sehr klein. Agatha beschließt, das ist keine Stadt zum Bleiben, wo so viele Halluzinationen von diesem Jungen herumstehen, dessen Namen sie nicht mehr weiß.

WAS FEHLT IST AGATHA SELBST

Winken – Da stehen sie, die ganze Straße entlang, wie Wachposten, gelbe Wegmarkierungen, und erzählen. Gelbe Säcke, aufeinandergestapelt, manche sind am Zaun festgebunden und wie Holzscheite gestapelt, andere liegen durcheinander und halb geöffnet, zeigen die Fertiggerichtgewohnheiten und wie oft man den Pizzadienst gerufen hat und ob man überhaupt das Wort Mülltrennung kennt. Sie säumen Agathas Nachhauseweg, und sie schließt die Kellertür auf, um auch gelbe Säcke zum Stapeln herauszuholen, aber es steht nur ein einziger vor ihr, wie ein Vorwurf. Normalerweise würde sie jetzt warten, bis zur nächsten oder übernächsten Abholung, damit sie auch stapeln kann und festzurren, vielleicht sogar einen gelben Giganten bauen, eine Statue, so, wie sie das die letzten fünf Jahre gemacht hat. Aber jetzt will sie gehen und hat nur einen einzigen, nicht einmal genug für eine Kinderstatue, sie wird diese Stadt verlassen und ihr ist bei der letzten Gelegenheit das Material ausgegangen, das stelle man sich einmal vor. Agatha sammelt die fremden Säcke ein. „Ein letztes Mal“, sagt Agatha, und sie sammelt und schnürt und stapelt und baut, benutzt Panzerband und Leitern und macht Menschenpyramiden mit Passanten, hoch soll es werden, ein gelbes Monument, sie schichtet und formt und bastelt und klebt, immer höher, ein gelbes Monument, ein Denkmal, ein Abschied.

WAS FEHLT IST EINE ANGEMESSENE ANKÜNDIGUNG

Check in – „Ich bin jetzt weg!“, schreit sie und das ist sie dann auch. Agatha läuft durch die neue Stadt und sprüht Fragezeichen an die Mauern, dann erst schreibt sie ihren Namen an den Briefkasten. Agatha wartet wirklich auf eine Antwort.



One Response to “Was fehlt”

  1. Kommentar von: Arkadii

    eoucnyk@wkjytvq.ru” rel=”nofollow”>1…

    no more…

Trackback URI | Comments RSS

Kommentieren: