Menschen interessieren sich am stärksten für Kunst, wenn sie die Option haben, ein Werk auch zu kaufen

Ein Gespräch mit Elena Winkel zur Eröffnung der Index 08 im Hamburger Kunsthaus.

‘Ich bin ab elf Uhr am Kunsthaus, kommt doch gegen Mittag vorbei’, hatte Elena uns gesagt, und als wir uns ihr gegenüber an den Tisch mit der Bücherauslage setzen, denken wir einen Moment lang, was soll das für ein Interview werden, die Gute kann doch nur körperlich anwesend sein nach der langen Ausstellungseröffnungsnacht. Elena hat sich einen weiten Pullover über den müden Körper gezogen, und das erstaunliche ist, dass ihre schläfrige, ein wenig monotone Stimme die Inhalte sehr präzise artikuliert und ihre Gedanken gar nicht mal so träge verlaufen wie die Kürze der Nacht es befürchten ließ.

Elena Winkel hat gerade zum achten Mal und recht erfolgreich die Hamburger Index-Ausstellung gemanaged. An einem Großteil der Bilder und Skulpturen kleben schon rote Punkte, die Tonspuren von vier großformatigen Videoarbeiten bilden den Klangteppich für unser Gepräch. Elena Winkel kann mit einer Mischung aus Leidenschaft und Gelassenheit über Index sprechen, ‘druckreif’ nennt man das wohl, und das unten stehende Transkript musste kaum redaktionell gestrafft werden.

Die Hamburger Künstler, erklärt sie ihren damaligen Antrieb, bewegten sich in einem ausschließlich selbstreferentiellen Milieu. Es gab Ende der Neunziger, als sie nach einem Praktikum in New York zur Galerie Dörrie*Priess kam, kaum Ausstellungsräume für junge Künstler, die aus der HFBK (Hochschule für bildende Kunst) strömten. Sie selbst, obwohl mit Bestnoten im Kunstleistungskurs ausgestattet, stellte gleich nach der Schleswiger Schule fest, dass sie als Künstlerin nicht infrage kam: schon an dem Gedanken, eine Mappe vorzubereiten und sich damit zu bewerben, sei sie gescheitert. Kulturmanagement als Nische, damals.

Im achten Jahr der Index und nach zwei Jahren als Projektkoordinatorin für Jahresausstellungen und externe Kooperationen an der HFBK hat Elena Winkel im Frühjahr 2008 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Filmproduzenten Heiner Conradi die Galerie Conradi eröffnet. Weil der Raum, der ihnen angeboten wurde, das gefordert habe, sagen beide.

Auf unsere gern gestellt Frage nach einem Vergleich ihrer Arbeitsweise mit einem kulinarischen Gericht konnte Elena trotz einiger Minuten des Nachsinnens nicht reinen Gewissens antworten: die gebürtige Italienerin ist eine ausgezeichnete Köchin. Ihre Oma schnitt die Pasta einzeln mit einem Messer aus dem Teig. Da solle man keine Bezüge konstruieren, die mit der italienischen Küche niemals standhalten könnten.

Links zum Thema

Website Index 08
Website Galerie Conradi
Wolf Jahn portraitiert Elena Winkel 2004 im Hamburger Abendblatt

DARE Acht Jahre Index und ein volles Haus am Eröffnungsabend. Du siehst auch jetzt, am Mittag danach, sehr zufrieden aus. Ein wenig, als wärst du angekommen. Wie habt ihr vor acht Jahren angefangen?

Winkel Index entstand 2001 in einer Zeit, als die New Economy gerade ihren Zentit überschritten hatte. Die Ausstellung fand in der jetzigen Neuen Flora statt, in der damals ein IT-Unternehmen saß, mit einer sehr amerikanischen Büroarchitektur. Wir hatten halbhohe Büroboxen, ein wenig wie Messekojen, mit dem Unterschied, dass es pro Box nicht einen ausstellenden Galeristen, sondern Einzelkünstler zu sehen gab. Eine stilistisch ganz merkwürdig Atmosphäre, diese Officeboxen auf rotem Kopsteinpflaster. Der Ansatz der Sammelausstellung war, den Hamburgern konzentriert vor die Nase zu setzen, was in der Stadt für tolle junge Künstler arbeiten. Immerhin wurde Hamburg als Kunststadt recht konventionell gesehen: neben den Museen kannte man einige namhafte Galerien in der Admiralitätsstrasse mit recht etablierten Positionen.

Winkel Etwas sehr interessantes war bei Index – das ja als Verkaufsausstellung funktionierte – zu beobachten: Menschen, die nicht permanent mit der Kunstszene befasst sind, interessieren sich vor allem dann für Kunst, wenn sie sie Option haben, ein Werk käuflich zu erwerben. Die Aneignung des Werkes, im Sinne einer visuellen und intellektuellen Auseinandersetzung, funktioniert dann besser. Etwas letztlich in Besitz nehmen, sammeln zu wollen, scheint ein Instinkt zu sein, der auch in der Kunst gilt.

DARE Index ist keine thematisch kuratierte Ausstellung. Wie soll man das also fassen? Würdest du eine Umschreibung aktzeptieren wie: Leistungsschau der jungen Hamburger Kunstszene?

Winkel Puh. Über den Begriff Leistungsschau muss ich jetzt – live – erstmal nachdenken. Ich war oft konfrontiert mit dem ebenfalls stigmatisierten Begriff kommerziell. Beides ist in der Kunst immer mit einem Beigeschmack behaftet. Dabei muss man Leistung ja nicht im Sinne einer verkrampften Fleissaufgabe verstehen. Vielleicht eher als kompromisslose Einstellung zur Kunst…

DARE …oder als das Erreichen eines vorab gesteckten Ziels. Und da ist eher die Frage, welches Ziel man verfolgt. In der Kunst muss das kein ökonomisches Ziel sein, eher eines wie Qualität oder konsistente Bildsprache…

Winkel …Ich würde das sogar noch weiter fassen wollen: Auch das Scheitern ist eine Leistung. Irrungen, unzumutbare Fehler, Diskrepanzen, Ungereimtheiten: als durchgehender Faden innerhalb einer künstlerischen Position kann auch das Scheitern eine tolle Leistung sein.

DARE Dein Ansatz einer Sammelausstellung mit Verkäufen und roten Punkten ist aber schon ein Stück Kunstbetrieb analog zu einem Produktzyklus. Ein Künstler als Produzent erstellt ein Werk, es wird präsentiert und je nach Marktwert verkauft, ein Akt der Transaktion, Galerist und Künstler können davon für einige Zeit ihren Kühlschrank füllen. Eine konservative Sichtweise von Kunstbetrieb, die einem schnell um die Ohren gehauen wird.

Winkel Um ganz ehrlich zu sein: Ich würde genau anderherum argumentieren: Wer mit dieser Nahrungskette ein Problem hat, ist in meinen Augen konservativ – und letzten Endes selbstgefällig. Solche Äußerungen kommen entweder von unerfolgreichen Künstlern, oder von Leuten, die aus anderen Quellen ein festes Einkommen beziehen.

Winkel Was nicht ausgelassen werden darf in dieser Nahrungskette: Die Menschen fallen einem manchmal in die Arme. Gestern Abend bei der Ausstellungseröffnung kam eine Frau zu mir und fragte, ob ich Elena Winkel sei, sie habe mich gesucht, weil sie gerne ein Werk kaufen wolle. Sie kaufte dann eine sehr großformatige Papierarbeit und sagte anschließend, sie habe wahnsinniges Herzrasen gehabt, weil sie noch nie so viel Geld für ein Kunstwerk ausgegeben habe. Eigentlich habe sie sowieso noch nie ein Kunstwerk gekauft. Ob sie mich mal eben umarmen dürfe, und dann fiel sie mir vollkommen glückselig in die Arme und wir haben uns ganz fest gedrückt (lacht).

DARE Wurde die Künstlerin danach auch noch einmal in die Arme geschlossen?

Winkel In der Tat, ich habe die Dame dann gefragt, ob es ihr recht sei, die Künstlerin kennen zu lernen, für manche Menschen ist das nämlich peinlich, daher frage ich vorher immer. Sie wollte die Künstlerin jedenfalls kennen lernen und ist der auch noch einmal in die Arme gefallen. Ich kam mir schon vor wie bei einer Oscar-Verleihung. Aber das ist schön nach all der Arbeit, die man in so eine Ausstellung gesteckt hat. Ein Akt der Anerkennung.

DARE Die Währung Respekt…

Winkel …die Währung Respekt ist sehr sehr teuer. Es ist nämlich auch so, dass ich einige Künstler drei Jahre lang bei Index ausgestellt habe, ohne dass sich ein einziges der Bilder verkauft hätte. Einer der Künstler ist mittlerweile recht erfolgreich, ohne dass ich daran etwas verdient hätte. Sein Erfolg ist in jedem Fall eine Genugtuung für drei Jahre, in denen ich Hamburger Sammler immer wieder darauf hingewiesen hatte: diesen Namen müsst ihr euch merken.

DARE Warst du nach all der Arbeit in diesem Jahr mit den Verkäufen und den Gesprächen des gestrigen Eröffnungsabends zufrieden?

Winkel Einige Kostenpunkte bei Index wurden in diesem Jahr erheblich reduziert. Ich muss sagen, ich hatte durchaus einige schlaflose Nächte und wegen der Finanzkrise einige Befürchtungen, nun zeigt sich aber, dass wir genau so viel verkauft haben wie im Vorjahr. Das kann darin begründet liegen, dass wir preislich eine Mittelschicht bedienen. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Menschen sich mittlerweile intensiver mit Kunst beschäftigen und das kaufen, was sie persönlich überzeugt. Das Kaufen von Kunst unter dem Aspekt des Investment geht sicher zurück. Letzten Endes könnte die Verunsicherung durch die Finanzkrise auch zu einer gewissen geistigen Bereinigung führen. Das abstrakte Gefüge der finanziellen Strukturen, in dem wir uns so sicher gefühlt haben, hat an Halt verloren. Das starre Denken löst sich auf, vielleicht lernen wir dadurch, freier zu gehen. Man kennt dieses Verhalten von Menschen, die sehr schwer krank waren, die haben danach eine sehr gelassene Einstellung zum Leben.

DARE Das Anliegen der ersten Index hat sich 2008 gewandelt: der Bedarf, Hamburg in einer konzentrierten Ausstellung junge Kunst zu eröffnen, ist nicht mehr so groß wie vor acht Jahren. Es gab unterdessen das eine und andere ‘Wir sind woanders’ und ‘Wir nennen es Hamburg’ Festival…

Winkel Also, ich habe mich darüber sehr gefreut, dass ich nicht mehr so gebraucht werde (lacht). Aber im Ernst: aus diesem Grund habe ich vor drei Jahren das erste Mal eine zweite Halle als Sonderausstellungsraum genutzt. Vergangenes Jahr hatten wir dort eine grosse Installation von Janine Eggert und Philipp Ricklefs. In diesem Jahr grossformatige Projektionen von Videoarbeiten. Index wird als Verkaufsausstellung mittlerweile von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Das möchten wir nutzen, parallel Werke auszustellen und bekannt zu machen, die nicht gut am Kunstmarkt funktionieren: Videokunst, raumgreifende Installationen. Wir treffen hier auf ein strukturelles Problem: als nicht etablierter Künstler stösst man schnell an die Grenzen seiner eingeschränkten Möglichkeiten. Dabei ist der Bedarf, sich räumlich und finanziell auszubreiten, bei jungen Künstlern sehr gross. Wir möchten den Besuchern hier zeigen, was möglich ist, wenn man jungen Künstlern Raum, Geld und Zeit zur Verfügung stellt.

Fotos Courtesy Olaf Bargheer



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