Not In Our Name, Marke Hamburg – Rückzugsgefechte der Kreativen Klasse

Ein Zwischenruf, mit Verständnis für die in der Grauzone tätigen

Dieses wird ein ungeordneter, ruppiger Text. Er entsteht unter dem direkten Einfluss eines Pressegespräches, das am Vormittag des 29.10.2009 in einem der verwahrlosten Gebäude des besetzten Hamburger Gängeviertels stattfand. Dort hatte sich, mit dicken Jacken bewaffnet, eine breite Riege “ungewaschener” (dazu später) Hamburger Kulturprotagonisten zusammengesetzt, um ziemlich deutlich zu machen, dass sie überhaupt keinen Bock mehr darauf haben, als Aushängeschild der vermeintlichen “Kreativstadt” benutzt zu werden.

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Foto: “Not In Our Name, Marke Hamburg” Pressegespräch. Am Tisch von links nach rechts Christoph Twickel (Journalist), Peter Lohmeyer (Schauspieler), Ted Gaier (Die Goldenen Zitronen), Melissa Logan (Chicks on Speed), Tino Hanekamp (Uebel&Gefährlich), Rocko Schamoni (Autor, Musiker, Golden Pudel Club)

Ted Gaier hielt zur Verdeutlichung eine PR-Postille der “Hamburg Marketing GmbH” in das Blitzlichtgewitter. Auf dem Cover das who is who der Hamburger Musikszene. Ted Gaier fand es alles andere als lustig, dass seine Goldenen Zitronen quasi Hand in Hand mit Marius Müller Westernhagen und Udo Lindenberg durch die Lande und bis nach Singapur und Austin / Texas (wo “Hamburg Marketing” auf Festivals die Musikszene der Hansestadt bewirbt) gezogen werden um die “Kulturmetropole” mit kiezigem Charme zu labeln.

“Not In Our Name, Marke Hamburg”, proklamieren die Unterzeichner eines Manifestes jetzt, und fordern ein Umdenken in der städtischen Politik (das Manifest findet sich in voller Länge am Ende dieses Artikels).

“Wir sind das Alibi für Hamburg, mit dem für kurzfristige Event- und Marketingprojekte geworben wird.” (Peter Lohmeyer). “Wir Künstler werden vor den Karren gespannt, wenn es um die sogenannte Kreative Stadt geht. Wir sind die Esel, aber der Karren stinkt. Wir haben ihn nicht gebaut.” (Rocko Schamoni). “Städte sind keine Marke, sondern leben von Durchmischung und Kreativität.” (Ted Gaier). Die Hamburger Politik setzt das Image der Kreativstadt in die Welt und produziert hinter den Kulissen soziale Segregation und kulturelle Verödung.” (Manifest)

“Kunst war dem Hanseaten noch vor kurzer Zeit “der Große Ungewaschene”, jemand der nicht rechnen kann, bestenfalls ein Sträusschen am Hut. Das hat sich geändert. Denn Stadtentwicklung ist für die neoliberale Ideologie der “Wachsenden Stadt” gleichbedeutend mit Standortmarketing. Und Kunst und Kultur spielen darin eine zentrale Rolle als Imageproduzenten. Dementsprechend umgarnt die Regierung neuerdings die Kreativen der ehemals verachteten und bekämpften Subkulturen.” (Golden Pudel Club, die “Elbphilharmonie der Herzen”)

Irgendwer bei der “Spex” oder bei “Kultur und Gespenster” oder von mir aus auch bei der “Zeit” müsste sich in diesem Spätherbst mal hinsetzen und ein unabhängiges Dossier über all das schreiben, was sich in diesem Jahr unter dem Überdruckventil des Hamburger Schnellkochtopfes aufgestaut hat: eine Melange aus Gängeviertel, Bernhard-Nocht-Quartier, Empire Sankt Pauli, HafenCity bleibt!, Schanzenfest, Frappant Große Bergstraße vs. Ikea, Tanzende Türme vs. Skam und Mojo Club, Masterplan Wachsende Stadt, Gründung der Kreativagentur, Waagenbau, Astra Stube, subvision Festival, IBA, Wilhelmsburg.

Für so ein Dossier oder Feature, immerhin die Königsdisziplin des gut recherchierenden Journalismus, bekommt ein Redakteur ordentlich Knatter, und weil das DARE Magazin unter strukturellem Knattermangel leidet, können wir diesen Dienst leider nicht leisten und setzen stattdessen auf Service und eine Compilation der vielfältigen Meinungen.

Ein (wenngleich gefärbtes, dafür aber mit umso mehr Chuzpe und Guerilla kompiliertes) Dossier im Gewand des gekaperten “Hamburg Magazin”, der Hauspostille der “Hamburg Marketing GmbH”, findet sich zum Download z.B. auf der Website des Centro Sociale.

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Eines ist bei der Meinungsbildung vollkommen klar: Jeder, der sich einigermaßen kreativ und ungewaschen fühlt, unterschreibt das Manifest ohne mit der Wimper zu zucken. Die Wut und die Forderungen und die schnoddrigen aber pointierten Formulierungen des Textes sprechen aus der Seele. Man möchte sich “Not In Our Name, Marke Hamburg” sofort auf ein American Apparrel T-Shirt drucken.

Bei Facebook-Aufforderungen zur Unterzeichnung des Manifestes besteht der überwiegende Teil der Kommentare aus den knappen Worten “d’accord” und “erledigt”. Und wir sprechen hier nicht nur von bildenden Künstlern und Musikern. In der langen Liste der Unterzeichneten finden sich Gastronomen, Store-Betreiber, sogar Architekten, Werber und Agentur-CEO’s.

Ja, verdammt: es geht hier um die Wurst. Um das “Recht auf Stadt”. Aber es will mir nicht gelingen, die Sache uneingeschränkt zu bejahen. Dazu habe ich zu viele ernsthaft denkende und operierende Planer kennengelernt, die hier pauschal gedisst werden. Authentizität und Meinungsfreiheit wird – nicht offen ausgesprochen aber unterschwellig mitklingend – nur denen zuerkannt, die kleine coole Brötchen backen und den kulturellen Humus bereiten.

Es ist aus dieser Position heraus unglaublich einfach, sich mit markigen Sätzen der Vereinnahmung zu erwehren. Die bisher billigen Mieten und authentischen alten Bewohner seines bröckelnden Kiez zu verteidigen. Auf den Fluchtpunkt Berlin zu scheißen aber gleichzeitig zu schielen. Stadtplaner und Behörden, die auf einer Metaebene übergreifende Projekte entwickeln, zu verachten.

Wenn man es mit dieser (man muss das Wort bemühen) romantischen Verweigerungshaltung und vermeintlichen künstlerischen Freiheit hinbekommt, seinen Kühlschrank zu füllen und Krankenkassen- oder Künstlersozialkassenbeiträge aufzubringen, Big Respect! Wer – wie die auf dem Podium vertretenen – einen Namen hat, dem wird dies gelingen und gut zu Gesicht stehen: die Credibility und so.

Übrigens: Das Gegenteil von ungewollter medialer Vereinnahmung ist mediale Abstinenz. Einzelinterviews und Fotoshootings mit den medienkompatiblen Köpfen der Initiative wirken am trüben Morgen des Pressegespräches einigermaßen absurd. Sie feuern ein System, dem eben noch der Stinkefinger gezeigt wurde, weiter an. Schirmherren wie Daniel Richter oder Peter Lohmeyer zeigen eine ganz eigensinnige Nutzung von klassischem Lobbyismus.

Ich habe Verständnis für die in der Grauzone. Für die kleinen Bands, die sich über einen einigermaßen ordentlich bezahlten Gig in der Jägermeister Rock und Marketing Liga freuen. Für die Mitarbeiter der Stiftungen, die Pressesprecher, die Projektkoordinatoren, die wissen, dass zurückgehende öffentliche Förderungen mit Public Private Partnerships kompensiert werden müssen, um Kulturprojekte überhaupt realisieren zu können.

“Das Hauptargument für jeden guten Hanseaten, und die Stadt wird ja von Hanseaten reagiert, ist aber: Wo kommt die Knatter her?” (Daniel Richter im Interview mit dem Hamburger Abendblatt). Davon findet sich im Manifest nichts. Kahlschlag droht, wo auf Public Private Partnerships keinen Wert gelegt wird. T-Mobile electronic beats schaffen zusätzlichen Content in der Clubbing-Agenda. Wenn O2 ein eintrittsfreies Konzert mit den Fantastischen Vier organisiert, ist daran für den Besucher zunächst nichts Schlechtes. Wir kennen ja die Explosion der Preise für Konzertkarten. Wenn die Produktionsgelder aus dem Promotion- oder Marketing-Etat eines Unternehmens bereit gestellt werden, so what, solange innerhalb der Projektbeteiligten und der anvisierten “Zielgruppe” ehrlich miteinander umgegangen wird.

Dass Staatstheater und städtische Museen ohne Einbindung in das Standortmarketing ins Hintertreffen geraten würden, weiss jeder, der einmal die Randnotizen eines Feuilletons gelesen hat. Ohne ordentliche Besucherzahlen kein Ensemble oder Ankauf zeitgenössischer Kunstwerke für die Sammlung. Lasst doch die Leute sich auf ihre Elbphilharmonie und ihren Sonntagsspaziergang in der HafenCity freuen. Wer diese Bauvorhaben am liebsten torpedieren möchte, verhält sich genauso arrogant wie die, die ein Empire Riverside Hotel im Herzen von St. Pauli hochziehen.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Dieses Eingeständnis müssen die behördlichen Think Tank und Cluster Entwickler der Strategiepapiere zur “Wachsenden” oder “Kreativen Stadt” machen. Stadtentwicklung in Hamburg läuft skandalös – und an denen vorbei, die viel Produktives beizusteuern hätten. Die Schwachstelle ist die mangelhaft strukturierte Schnittstelle und die mangelnde Kommunikation zwischen den Kulturschaffenden und den Kulturverwaltenden.

Ein Eingeständnis, das die ungewaschenen coolen Hunde der “creative class” machen müssen: dass man die Wellen des Marketings surfen muss. Sonst schlagen sie über einem zusammen. Ruhige See herbeizuwünschen hilft eh nicht. Beschaulichkeit war gestern. Schwarz-weisse Feindbilder sind achtziger. Hafenstraße war einfacher als Gängeviertel.

Dieser Text ist ein Zwischenruf als direkte Reaktion auf das “Not In Our Name, Marke Hamburg” Manifest. Wollte man eine konsistente Haltung und Argumentation aus den einzelnen Gedankenfragmenten entwickeln, müsste man das Thema eine Weile sacken lassen und später, ausgeruhter, noch einmal in die Hand nehmen. Update to come. Thanks for comments.

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Pressestimmen und Links

“Was dem Text und der Präsentation im Gängeviertel fehlt, ist so etwas wie Selbstreflexion. Und die Reflexion auf eine radikale Alternative. Dann fiele vielleicht auf, dass man auch als Kulturschaffender so ganz unschuldig nicht ist. Wenn nun etwa ein Musiker der Goldenen Zitronen in der Schanze seinen Kaffee trinkt und sich umblickt, was sieht er dann? Nicht mehr die Alten, die Migranten, sagt Gaier bedauernd. An die er sich mit seiner Musik aber auch nie gewendet hat. Was also sieht er? Potenzielle Kunden: lauter Werbefuzzis, Physiotherapeuten, Klavierlehrer, Designer, Journalisten. Also Leute, die demselben Milieu zugehörig sind wie der Kulturschaffende, auch wenn sie auf dem steinigen Weg der Ästhetik der Existenz nicht ganz so weit gekommen sind. Und was ist nun dieser Kulturschaffende? Plötzlich nicht mehr der Einzelgänger, der Super-Individuelle um nicht zu sagen: der ganz Andere, als der er noch gelten konnte als die Szene fern war. Nein, man ist plötzlich, oh Schreck: unter sich! Das ist das Kreuz der Subkultur: Sie lebt von der Andersartigkeit, die sie als Ware verkauft – und zur Mode macht. Soviel anders ist das nicht als das Paradox, das die Kulturschaffenden der Stadt vorwerfen: mit ihnen zu werben, und ihnen zugleich den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dabei wissen die Künstler, dass die Vereinnahmungslogik ihren Werken im Kapitalismus eingeschrieben ist – und verdrängens.”

TAZ: Die große Vereinnahmung / von Maximilian Probst / 30.10.2009

“Nichts ist klar auf der Andrea Doria. Der Vergnügungsdampfer Hamburg ist in schwere See geraten. An der Elbe brodelt’s plötzlich an mehreren Stellen, und zwar ausgerechnet dort, wo die Stadt jung, kreativ und zukunftsfroh ist. Dabei geht es um die Frage, welchen Raum Hamburg denen gibt, die über Initiative und Einfälle verfügen, nicht jedoch über genug Geld.”

Die Zeit: Beton fließt ins Herz der Stadt – In Hamburg regiert das Geld. Was tun Bürger, die keins haben? Sie rebellieren / von Ulrich Stock / 25.09.2009

“Die Künstler (im besetzten Gängeviertel, Anm. DARE) wollen nur zweierlei: die Häuser haben und nicht nach Berlin. (…) Berlin! Das Wort hat in Hamburg einen magischen Klang. In Berlin kostet alles nichts. In Berlin ist alles möglich. In Berlin tanzen sie sogar auf den Dächern.”

“Weil Hamburg aber so brummt, weil es eine Stadt des hart verdienten Geldes ist, ganz anders als das deindustrialisierte, durchsubventionierte Berlin, hat es die Low-Budget-Szene nicht leicht. In Hamburg bekommt man nichts geschenkt.”

“Im dicken Gästebuch (des Gängeviertels, Anm. DARE) findet sich der Eintrag eines interessierten Werbers: Ihn begeistert das Projekt, er hätte hier demnächst gern sein Büro.”

Die Zeit: Hanseatische Hausbesetzung – 25 Jahre nach der Hafenstraße beginnen Künstler eine neue Squatter-Ära / von Ulrich Stock / 21.09.2009

“Droht Hamburg ein zweiter Hafenstraßen-Konflikt, mitten in der Innenstadt? Diesmal einer, in dem Bürgermeister und Besetzer gemeinsam Barrikaden gegen einen Bauherren errichten? Die Situation um die Zukunft des Gängeviertels jedenfalls nimmt gerade eine absurde Wendung.”

Süddeutsche: Hafenstraße, Teil zwei / von Till Briegleb / 21.10.2009

“Die Kulturbehörde Hamburg ist einem Bären aufgesessen. Sie planten eine Kreativstadt in einem bereits an einen Investor versprochenen Gebiet. Das rächt sich jetzt. (…) Dumm gelaufen: In der Hoffnung, dass ein zunächst akzeptierter Investor seine Lust am Gängeviertel verloren hat, gingen Kulturbehörde und Bezirk Mitte auf Kuschelkurs mit den zwischenzeitlich dort eingezogenen Hausbesetzern. Schließlich bot sich hier eine Gelegenheit, die eigenen Ansprüche – formuliert in Schlagworten wie Talent- und Kreativstadt – auf schnellem Wege mit wenigstens etwas Leben zu füllen.”

Die Welt: Problemfall Gängeviertel / von Jörn Lauterbach / 20.10.2009

“Die Gegner unterschiedlicher Bauprojekte in Hamburg rücken jetzt zusammen. Der Gegenwind gegen eine Reihe von Bauprojekten in Hamburg wird stärker. (…) Vernetzung lautet das Zauberwort im Internetzeitalter. „Wir sind sehr gut vernetzt“, hört man dieser Tage an vielen Orten und von vielen Menschen der Stadt. Die Hausbesetzer des Gängeviertels, die Künstler im Altonaer Frappant-Gebäude, die Clubbetreiber an der Sternbrücke oder St.Paulis „Gentrifizierungsgegner“ von „No BNQ“ – alle reden so. Alle versichern sich gegenseitig ihrer Solidarität.”

Die Welt: Der Widerstand bündelt sich jetzt / von Olaf Dittmann / 21.10.2009

“Auch wenn sich die Künstler instrumentalisiert fühlen, soll die ‘Marke Hamburg’ auch weiterhin mit den Kultuschaffenden beworben werden. ‘Wir haben viele Analysen, die belegen, dass diese Strategie funktioniert’, sagt Karl-Heinz Blumenberg von Hamburg Marketing: ‘Und es ist ja auch im Interesse der Künstler, wenn viele Touristen in die Stadt strömen.’”

Hamburger Morgenpost: Künstler-Aufstand / von Christoph Heinemann / 31.10.2009

“Es gibt erstmal die Erkenntnis, dass Gentrifizierung ein Prozess ist, bei dem jeder Versuch, sich Freiheit zu erkämpfen, bedeutet, eine Plattform zu erzeugen, die in wenigen Jahren für das genaue Gegenteil von dem genutzt wird, für das man eingetreten ist. Wir suchen ja ursprünglich immer nach dissidentischen Plätzen, die Freiräume darstellen. Aber sobald man sich so einen Platz erkämpft hat, macht der die Stadt attraktiver. Das ist ein grauenhafter Prozess, aus dem wir uns nicht befreien können.”

Der Freitag: Nicht in Rockos Namen / Interview mit Rocko Schamoni / 01.11.2009

“In einer Zeit, wo es viele Verteilungskämpfe um das knappe Geld gibt, setzt sich in der öffentlichen Meinung, bei den Bürgern und offenbar auch bei Politikern die Erkenntnis durch, dass man an vielem sparen kann, nur ausgerechnet nicht bei den ehemals weichen Themen, nicht bei Bildung und Kultur. Sie sind nämlich unversehens zu harten Themen geworden, zu Essentials statt Beiwerk. Zu Kernpunkten einer Bürgerkultur. (…) Das Einzige, was nicht passieren darf, ist, dass man gegenseitig futterneidisch wird: Natürlich ist es gut, Kulturinitiativen in Wilhelmsburg ebenso zu stützen wie das Gängeviertel, die Elbphilharmonie wie die Staatstheater, das Hamburger Theaterfestival wie die Clubszene oder Kampnagel – das ist alles gut und je mehr es davon gibt, umso besser.”

Hamburger Morgenpost: Bloß nicht futterneidisch werden / Gastkommentar vom Intendanten des Thalia Theater Joachim Lux / 02.11.2009

“Die zeitliche Parallelität zwischen Gängeviertelbesetzung und subvision Festival zeigt in der Tat die unterschiedlichen Kräftefreisetzungen auf; einerseits von geförderten, professionell organisierten Großveranstaltungen (top-down, zumindest in der subvision Organisationsstruktur), anderseits von eigeninitiativ und mit flachen Hierarchien organisierten Projekten, die auch ohne anfängliche Lobby eine grosse Resonanz haben (bottom-up, zumindest bis es darum geht, verlässliche Gängeviertel-Ansprechpartner für Runde-Tisch-Gespräche mit der Stadt zu haben). Dass sich im laufenden Betrieb beide Verfahrensweisen einander annähern, zeigt sich bei subvision durch die von den Künstlerinitiativen eigeninitiativ organisierten kontroversen Veranstaltungen – während die Gängeviertel-Initiatoren mittlerweile auf die Lobbywirkung eines “Schirmherren” Daniel Richter setzen und mit der erfolgreichen Durchsetzung eines Künstlerquartiers wohlmöglich eine Gentrifizierung ganz eigenen Ausmaßes freisetzen.”

Blogreportage auf der Website des subvision Festivals: Im Endergebnis seid ihr Produkte – wärt gern Summen / von Olaf Bargheer / 05.09.2009

Daniel Richter im Exklusivinterview (Hamburger Abendblatt)
Die Künstler rechnen mit der Stadt ab (Hamburger Abendblatt)
Aufstand der Künstler (Hamburger Morgenpost)
Wir sind die Esel, aber der Karren stinkt (Die Welt)
Künstler gegen die Vermarktung der Stadt (Videoclip Hamburg 1)

Manifest “Not In Our Name, Marke Hamburg”

Link zum Unterzeichnen

Ein Gespenst geht um in Europa, seit der US-Ökonom Richard Florida vorgerechnet hat, dass nur die Städte prosperieren, in denen sich die “kreative Klasse” wohlfühlt. “Cities without gays and rock bands are losing the economic development race”, schreibt Florida. Viele europäische Metropolen konkurrieren heute darum, zum Ansiedelungsgebiet für diese “kreative Klasse” zu werden. Für Hamburg hat die Konkurrenz der Standorte mittlerweile dazu geführt, dass sich die städtische Politik immer mehr einer “Image City” unterordnet. Es geht darum, ein bestimmtes Bild von Stadt in die Welt zu setzen: Das Bild von der “pulsierenden Metropole”, die “ein anregendes Umfeld und beste Chancen für Kulturschaffende aller Couleur” bietet. Eine stadteigene Marketing-Agentur sorgt dafür, dass dieses Bild als “Marke Hamburg” in die Medien eingespeist wird. Sie überschwemmt die Republik mit Broschüren, in denen aus Hamburg ein widerspruchfreies, sozial befriedetes Fantasialand mit Elbphilharmonie und Table-Dance, Blankenese und Schanze, Agenturleben und Künstlerszene wird. Harley-Days auf dem Kiez, Gay-Paraden in St. Georg, Off-Kunst-Spektakel in der Hafencity, Reeperbahn-Festival, Fanmeilen und Cruising Days: Kaum eine Woche vergeht ohne ein touristisches Megaevent, das “markenstärkende Funktion” übernehmen soll.

Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Liebe Standortpolitiker: Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing- Kategorien zu sprechen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als “bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil” zu “positionieren”, noch denken wir bei Hamburg an “Wasser, Weltoffenheit, Internationalität”, oder was euch sonst noch an “Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg” einfällt. Wir denken an andere Sachen. An über eine Million leerstehender Büroquadratmeter zum Beispiel und daran, dass ihr die Elbe trotzdem immer weiter zubauen lasst mit Premium-Glaszähnen. Wir stellen fest, dass es in der westlichen inneren Stadt kaum mehr ein WG-Zimmer unter 450 Euro gibt, kaum mehr Wohnungen unter10 Euro pro Quadratmeter. Dass sich die Anzahl der Sozialwohnungen in den nächsten zehn Jahren halbieren wird. Dass die armen, die alten und migrantischen Bewohner an den Stadtrand ziehen, weil Hartz IV und eine städtische Wohnungsvergabepolitik dafür sorgen. Wir glauben: Eure “wachsende Stadt” ist in Wahrheit die segregierte Stadt, wie im 19. Jahrhundert: Die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen außerhalb.

Und deshalb sind wir auch nicht dabei, beim Werbefeldzug für die “Marke Hamburg”. Nicht dass ihr uns freundlich gebeten hättet. Im Gegenteil: uns ist nicht verborgen geblieben, dass die seit Jahren sinkenden kulturpolitischen Fördermittel für freie künstlerische Arbeit heutzutage auch noch zunehmend nach standortpolitischen Kriterien vergeben werden. Siehe Wilhelmsburg, die Neue Große Bergstraße, siehe die Hafencity: Wie der Esel der Karotte sollen bildende Künstler den Fördertöpfen und Zwischennutzungs-Gelegenheiten nachlaufen – dahin, wo es Entwicklungsgebiete zu beleben, Investoren oder neue, zahlungskräftigere Bewohner anzulocken gilt. Ihr haltet es offensichtlich für selbstverständlich, kulturelle Ressourcen “bewusst für die Stadtentwicklung” und “für das Stadt-Image” einzusetzen. Kultur soll zum Ornament einer Art Turbo-Gentrifizierung werden, weil ihr die die üblichen, jahrelangen Trockenwohn-Prozesse garnicht mehr abwarten wollt. Wie die Stadt danach aussehen soll kann man in St. Pauli und im Schanzenviertel begutachten: Aus ehemaligen Arbeiterstadtteilen, dann “Szenevierteln”, werden binnen kürzester Zeit exklusive Wohngegenden mit angeschlossenem Party- und Shopping Kiez, auf dem Franchising-Gastronomie und Ketten wie H&M die Amüsierhorde abmelken.

Die Hamburgische Kulturpolitik ist längst integraler Bestandteil eurer Eventisierungs- Strategie. Dreissig Millionen Euro gingen an das Militaria-Museum eines reaktionären Sammlerfürsten . Über vierzig Prozent der Ausgaben für Kultur entfallen derzeit auf die “Elbphilharmonie”. Damit wird die Kulturbehörde zur Geisel eines 500-Millionen-Grabes, das nach Fertigstellung bestenfalls eine luxuriöse Spielstätte für Megastars des internationalen Klassik- und Jazz-Tourneezirkus ist. Mal abgesehen davon, dass die Symbolwirkung der Elbphilharmonie nichts an sozialem Zynismus zu wünschen übrig lässt: Da lässt die Stadt ein “Leuchtturmprojekt” bauen, das dem Geldadel ein Fünf-Sterne-Hotel und 47 exklusive Eigentumswohnungen zu bieten hat und dem gemeinen Volk eine zugige Aussichtsplattform übrig lässt. Was für ein Wahrzeichen!

Uns macht es die “wachsende Stadt” indessen zunehmend schwer, halbwegs bezahlbare Ateliers, Studio- und Probenräume zu finden, oder Clubs und Spielstätten zu betreiben, die nicht einzig und allein dem Diktat des Umsatzes verpflichtet sind. Genau deshalb finden wir: Das Gerede von den “pulsierenden Szenen” steht am allerwenigsten einer Stadtpolitik zu, die die Antwort auf die Frage, was mit städtischem Grund und Boden geschehen soll, im Wesentlichen der Finanzbehörde überlässt. Wo immer eine Innenstadtlage zu Geld zu machen ist, wo immer ein Park zu verdichten, einem Grünstreifen ein Grundstück abzuringen oder eine Lücke zu schließen ist, wirft die Finanzbehörde die “Sahnelagen” auf den Immobilienmarkt – zum Höchstgebot und mit einem Minimum an Auflagen. Was dabei entsteht, ist eine geschichts- und kulturlose Investoren-City in Stahl und Beton.

Wir haben schon verstanden: Wir, die Musik-, DJ-, Kunst-, Theater- und Film-Leute, die kleine-geile-Läden –Betreiber und ein-anderes-Lebensgefühl-Bringer, sollen der Kontrapunkt sein zur “Stadt der Tiefgaragen” (Süddeutsche Zeitung). Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist. Wir sind willkommen. Irgendwie. Einerseits. Andererseits hat die totale Inwertsetzung des städtischen Raumes zur Folge, dass wir – die wir doch Lockvögel sein sollen – in Scharen abwandern, weil es hier immer weniger bezahlbaren und bespielbaren Platz gibt. Mittlerweile, liebe Standortpolitiker habt ihr bemerkt, dass das zum Problem für euer Vorhaben wird. Doch eure Lösungsvorschläge bewegen sich tragischer Weise kein Jota außerhalb der Logik der unternehmerischen Stadt. Eine frische Senatsdrucksache etwa kündigt an “die Zukunftspotenziale der Kreativwirtschaft durch Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu erschließen”. Eine “Kreativagentur” soll zukünftig u.a. “Anlaufstelle für die Vermittlung von Immobilienangeboten” sein. Wer sich die Mieten nicht leisten kann, muss sich als “künstlerischer Nachwuchs” einsortieren lassen und bei der Kreativagentur um “temporäre Nutzung von Leerständen” ersuchen. Dafür gibt es sogar einen Mietzuschuss, allerdings nur, wenn “die Dringlichkeit des Bedarfs und die Relevanz für den Kreativstandort Hamburg” gegeben sind. Unmissverständlicher kann man nicht klarstellen, was “Kreativität” hier zu sein hat: Nämlich ein profit center für die “wachsende Stadt”.

Und da sind wir nicht dabei. Wir wollen nämlich keine von Quartiersentwicklern strategisch platzierte “Kreativimmobilien” und “Kreativhöfe”. Wir kommen aus besetzten Häusern, aus muffigen Proberaumbunkern, wir haben Clubs in feuchten Souterrains gemacht und in leerstehenden Kaufhäusern. Unsere Ateliers lagen in aufgegebenen Verwaltungsgebäuden, und wir zogen den unsanierten dem sanierten Altbau vor, weil die Miete billiger war. Wir haben in dieser Stadt immer Orte aufgesucht, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren – weil wir dort freier, autonomer, unabhängiger sein konnten. Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen. Wir wollen die Frage “Wie wollen wir leben?” nicht auf Stadtentwicklungs- Workshops diskutieren. Für uns hat das, was wir in dieser Stadt machen, immer mit Freiräumen zu tun, mit Gegenentwürfen, mit Utopien, mit dem Unterlaufen von Verwertungs- und Standortlogik.

Wir sagen: Eine Stadt ist keine Marke. Eine Stadt ist auch kein Unternehmen. Eine Stadt ist ein Gemeinwesen. Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten heute auch eine Frage von Territorialkämpfen ist. Es geht darum, Orte zu erobern und zu verteidigen, die das Leben in dieser Stadt auch für die lebenswert machen, die nicht zur Zielgruppe der “Wachsenden Stadt” gehören. Wir nehmen uns das Recht auf Stadt – mit all den Bewohnerinnen und Bewohnern Hamburgs, die sich weigern, Standortfaktor zu sein. Wir solidarisieren uns mit den Besetzern des Gängeviertels, mit der Frappant-Initiative gegen Ikea in Altona, mit dem Centro Sociale und der Roten Flora, mit den Initiativen gegen die Zerstörung der Grünstreifen am Isebek- Kanal und entlang der geplanten Moorburg-Trasse in Altona, mit No-BNQ in St. Pauli, mit dem Aktionsnetzwerk gegen Gentrifizierung und mit den vielen anderen Initiativen von Wilhelmsburg bis St. Georg, die sich der Stadt der Investoren entgegenstellen.

Klarstellungen zum Manifest “Not In Our Name, Marke Hamburg“

im Facebook-Forum des Gängeviertels (5.400 Fans, Stand Anfang November 2009)

Am 29.10. haben wir im Gängeviertel ein Manifest vorgestellt, in dem freie Kulturschaffende und Kreative Stellung zum Thema Gentrifzierung und Stadtentwicklung beziehen. Über den massiven Support freuen wir uns sehr. Aus den cirka 260 Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichnern sind mittlerweile über 2600 geworden – die Zahl der Unterstützer hat sich in sechs Tagen verzehnfacht. Sehr in unserem Sinne ist, dass längst nicht mehr nur Menschen mit kreativen Berufen unterzeichnen. Schließlich haben wir unsere Rolle als “Kreative“ in Gentrifizierungs- und Aufwertungsprozessen thematisiert, um zu sagen: Die Stadt gehört allen. Wir beanspruchen keine hervorgehobene Stellung, wir kämpfen um Freiräume nicht anders als andere Einwohnerinnen und Einwohner dieser Stadt.

Deshalb halten wir es für notwendig, ein paar Missverständnissen vorzubeugen, die von politischer und von Medienseite an uns herangetragen werden. Das Manifest ist kein “Künstlermanifest“, kein “Aufschrei“ oder Forderungskatalog von sich vernachlässigt fühlenden Kreativen, die von Politikern an die Hand genommen werden möchten. Wir machen keine Lobbyarbeit damit und verwahren uns gegen Versuche, uns so zu interpretieren – mögen sie auch noch so wohlmeinend sein. All das steht zwar in “Not In Our Name, Marke Hamburg“ bereits deutlich drin, aber vielleicht muss man es nochmal und in Großbuchstaben sagen: WIR WOLLEN KEINE GÜNSTIGEN ATELIERS ALS ALIBI EINER STADT, DIE NUR FÜR DIE BESSERVERDIENENDEN DA IST.

Insbesondere die GAL scheint “Not In Our Name, Marke Hamburg“ aufgeschreckt zu haben. In gleich zwei Presseerklärungen zum Manifest erklärt die GAL, sie begrüße unsere Kritik, weil sie “das Problem der Gentrifizierung“ selbst „erkannt und benannt“ habe und “intensiv an Antworten darauf“ arbeite. Ehrlich gesagt: Da lachen ja die Hühner. Die GAL hat den Bau der Vattenfall-Fernwärmeleitung durch St. Pauli und Altona durchgewunken und lässt den dortigen Arme-Leute-Grünzug auf Kosten “nicht zukunftsfähiger“ Sozialwohnungen aufschicken. Die GAL unterstützt die Ansiedlung von Ikea in der Neuen Großen Bergstraße massiv und sorgt damit dafür, dass die letzte Arme-Leute-Fußgängerzone in der westlichen inneren Stadt verschwindet. Die GAL hat zwei Monate lang zur Besetzung des Gängeviertels geschwiegen, um nach der Zahlung durch den Investor zu vermelden, es länge jetzt “in seiner Hand zu entscheiden, welche Zukunft die Kunstschaffenden im Viertel haben.“

Ein Wort noch zum Bürgermeister, der sich wünscht “dass diejenigen, die das unterschrieben haben, sich vorher geäußert hätten“: Zum Konzept der unternehmerischen Stadt und der Ideologie des meistbietenden Verhökerns – in Hamburg eine Erfindung der SPD und heute der ganze Stolz der CDU – gibt es seit vielen Jahren meterweise kritische Artikel, Bücher und andere Publikationen. Eine Literaturliste senden wir gerne zu.

Wer dem Manifest Forderungen ablauschen will, möge doch einfach die Solidaritätserklärung mit den diversen Initiativen und der Recht-auf-Stadt-Bewegung ernst nehmen, deren Forderungen wir uns zu eigen machen – unter anderem: Keine Moorburg-Trasse! Gängeviertel selbstverwaltet! Kein Ikea in Altona! BNQ stoppen! Bezahlbare Wohnungen überall in der Stadt! Keine Privatisierung öffentlicher Räume! Keine Vertreibung von Hartz-IV-EmpfängernInnen aus ihren Wohnungen! Freie Wohnortwahl für Flüchtlinge!

Ted Gaier, Melissa Logan, Rocko Schamoni, Peter Lohmeyer, Tino Hanekamp und Christoph Twickel für die „Not in Our Name, Marke Hamburg“ Initiative

jandelay

Hot Spot der coolen Hunde #1: Sternbrücke mit Astra Stube, Waagenbau und Fundbuereau

goldenpudelclub

Kraftzentrum der coolen Hunde #2: Pudel

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9 Responses to “Not In Our Name, Marke Hamburg – Rückzugsgefechte der Kreativen Klasse”

  1. Kommentar von: Mark vom Sommer in Hamburg Kulturmagazin

    Mächtige Zusammenfassung. Sehr gut gemacht.
    Sehr provokanter Titel. Kreative KLASSE? Rückzugsgefechte? Sicher nicht.

    Super Bild auch vom den gefakten HAMBURG-Magazin. Ist das irgendwo zu haben? Wisst ihr was?

  2. Kommentar von: Olaf Bargheer

    Hi Mark. Der Titel referiert natürlich auf Richard Floridas unvermeidliche “creative class”. Das “Unter Geiern” Hamburg Magazin gibt es als pdf-Download und in 10.000er Auflage Print. Die sind aber sicher schon alle vergriffen.

  3. Kommentar von: Hans Claus schwieger

    Hamburg muss für alle da sein. Natürlich hat Hamburg in erheblichem Umfang soziale Fragen zu beantworten. Billiger Raum für Kreativität wird weniger, was nicht gut ist. All dies wird mit 99% Sicherheit auch das Hamburg Marketing unterschreiben.

    Nur ist es i.d.R. weder das Hamburg Marketing ja in der Regel nicht einmal die Stadt, die Mieten erhöht, den 100 H&M Laden eröffnet oder kreative Szenen verdrängt (übrigens ist es zur Zeit auch nicht die Stadt, die mit Prominenten für wohltätige Zwecke wirbt Herr Lohmeyer).

    Es ist aber die Stadt, die wahrscheinlich einem erheblichen Teil der Unterzeichner des Manifests durch Zuschüsse hilft und trotz Finanzkrise nach ihrem Möglichkeiten weiter tun wird.

    Auch legtime Wünsche und Interesse in der Kulturpolitik oder auch für (die allerdings in vielen Beiträgen etwas vorgeschoben wirkende) Sozialpolitik sollte nicht mit der Vermarktung Hamburgs gleichgesetzt werden.

    Es ist fast ein wenig seltsam, dass eine bestimmte Künstlerszene in dieser Stadt ganz gezielt der Stadt und ihrem Menschen im Marketing helfen kann, auch zukünftig vielleicht gerade für diese Szene interessante Menschen anzuziehen und finanzielle Grundlagen für die Kindergärten und auch für die Kulturförderung zu ermöglichen und wieder ist es nicht recht. Ist das Motto: “Nur ein echter Outsider ist akzeptabel, ein Hoch auf das wider jedem Mainstream, gerne aber mit gesponsortem Atelier, Club oder besser gleich direkter staatlicher Alimentation.” wirklich der richtige Weg (außer fürs eigene Ego und Image)?

  4. Kommentar von: Meyer

    Stimmt

  5. Kommentar von: abi wallenstein

    unterstütze das manifest “not in our name” aus
    vollem herzen!!!
    abi
    (wenn musikalisches gebraucht wird,bitte bei mir
    melden)

  6. Kommentar von: Olaf Bargheer

    Übrigens noch mal zum Thema begehrtes Hamburg Magazin “Unter Geiern”: Wir waren fest davon ausgegangen, dass die 10.000 Magazine spätestens nach der “Recht auf Stadt” Gala im Uebel & Gefährlich vergriffen waren. Sind sie aber nicht. Heute morgen lag ein grosser, erst Samstag angelieferter Stapel in der wohlsortierten Buchhandlung Cohen & Dobernigg in der Schanze. Wer noch ein Heft ergattern möchte…

  7. Kommentar von: uwe jalip

    Geil!
    Wohltueeeeeend!!
    endlich der Aufschrei!!!
    freue mich auf meine Rückkehr!

    Uwe aus Brasilien

  8. Kommentar von: Wilhelm Fischer-Dango

    Offener Brief an Farid Müller

    Herr Farid Müller …….so entsetzt greift der eigene Kulturbegriff nicht mehr dahin wo Sie sind und damit ins Leere oder handelt es sich bei Ihrer Reaktion auf „Not in our Name“ um ein anderes auslegungsbedürftiges Orakel?

    Was für eine Vorstellung haben Sie von künstlerischen Poduktionsprozessen, von den Paradigmen der Intuition – dem leisesten Zweifel die größte Aufmerksamkeit zu schenken –
    Und dann geht es um die Wurst, dass im kleinsten Ablauf alles enthalten ist, was im Großen und Ganzen leicht zu übersehen wäre, was mache ich damit, was machen Sie mit der Aussicht ein Michael Kolhass werden zu können und keine Alternative zu haben, da darf man nicht mehr wählerisch sein.

    Dass die Sensibelchen in ihrem Streichelzoo den harten Zugriff des gemeinen Wesens sehr wohl spüren muß ich nicht weiter erklären – aber sie haben nicht die Bereitschaft auf den Clown noch etwas doller zu treten damit er noch lauter schreit um den eigenen Ton nicht zu hören – sondern ihm das seine auch als das des anderen aufzumalen, ein Tattoo als vorübergehendes Bild unserer Gesellschaft – rein informell, geht dieser Art Erkenntnis sehr wohl unter die Haut

    Nur verstehen die Zuständigen so etwas immer erst, wenn es heißt Keilschrift mitten zwischen die Augen, der Druck des Druckbuchstaben reicht nicht – oder wieviel muß er haben – damit die Pore groß genug ist Herr Müller.
    Weiß man da wo man ist ?
    Die Spielregeln sind bekannt bis zur Unkenntlichkeit, direktes umbringen verboten, vorübergehendes abdrücken der Luft erlaubt – sozusagen nicht getötet aber etwas ungünstig beerdigt – die halb gezündete Endstufe, der letzte gerodete Baum – für den wir uns noch einen Ast lachen können.
    Atomkraft, was solls – ich wohn nach hinten raus.

    Die sogenannten armen Irren in ihren Opferrollen haben allen Grund verzweifelt zu sein, wenn sie die Komödie der Vermittlung ihrer gesellschaftlichen Ansichten zu Ende spielen wollen, dann höchstens um das Unglück müde zu machen.

    Dabei machen wir alle mit der entarteten Mutation des Großhirns mangels Instrumentarium unter der Pranke des Geistes unfreiwillige Wanderungen zwischen Kernneurose und Milieuverschiebung.
    Aber diese Prozesse transparent zugänglich und offen zu halten ist überlebensnotwendig für uns alle. Überflüssig in diesem Zusammenhang von DuftMARKEN zu reden, es riecht und wir sitzen nun mal dicht am Fenster. Oder um es mit poetischen Mitteln auszudrücken, die christliche Hölle wird säkularisiert; jeder Unternehmer darf sich im Nebenamt als Ablaßhändler gerieren: Tausche Wohlverhalten gegen vorläufige Weiterbeschäftigung.

    Angst zerstört jede Zivilcourage, verwandelt die Gesellschaft in eine Agglomeration bindungs- und damit hilfloser, d.h. zu jeder Form von Widerstand unfähiger Individuen.

    Die deutschen Eliten haben den Schierlingsbecher randvoll mit Angst gefüllt und der Gesellschaft gereicht; ob er auch der Demokratie angeboten oder sein Inhalt doch weiterhin als Kontaktgift verabreicht wird, ist noch nicht ganz entschieden.

    Wenn Sie sich also von dem schönen Schreiben angefasst fühlen Herr Müller, dann doch nur weil Sie das Anliegen im innersten nicht berührt, es ärgert sie nur etwas nicht kontrollieren zu können was Sie als Lebenseinstellung nicht verstehen. Ich bin als Künstler kein sozial abartiges Exoticum, sondern ich besitze einen strukturellen Zusammenhang mit meinem Nährboden, der auch Sie sind.

    Ihre Hompage Herr Farid Müller ist in künstlerischer Hinsicht betriebswirtschaftlich der reinste Offenbarungseid und das meine ich anders als Sie es verstehen.

    Sie ziehen wie Wunderdoktor Little durch die Gegend alles busy und Sie verstehen so gut und machen so viel und dann abends noch ein Bier mit Corny Littmann in der Wunderbar.

    David im Siegestaumel bewegt sich von der Vernunft weg, ein Künstler ist dort nie angekommen.
    Mißtrauisch bis zum letzten Atemzug und vor allem auch sich selbst gegenüber.

    Das Werk nimmt die Gesellschaft beiläufig mit in Kauf, und wenn wir Kontrolle über die Ohnmacht unserer Tage bekommen Herr Müller, dann ist alles verloren.

    Die Position der Wahrnehmung ist diesbezüglich nicht verhandelbar, nicht wegen einer Absicht, sondern in jeder Hinsicht.

    Wenn jemand wie Sie dann behauptet, ich war doch immer für eure Interessen da, meint der einen anderen Ort. Sie haben ein wählbares Verhältnis zur Gesellschaft und ,sagen wir mal so, müssen wohl auch flexibel sein, aber was auch immer, im tieferen Sinne ist im kulturellen Bereich nicht von leichtfüßigkeit auszugehen wenn es um die letzte kritische Masse einer Gesellschaft geht.

    Auch Unterhaltung hat etwas mit Unterhalt, mit Schulden zu tun, das etwas zurückgegeben wird. Ich kann aber deshalb mein Verständnis zur Gesellschaft nicht variieren, da sie selbst mein Handeln mitbestimmt. Da bleibt nur berühren und zu ergreifen, die empfindlichste Stelle, weil es keinen anderen Zugriff gibt. – Unsere Wirtschaft unsere Banken, – haben die Republik in dem Augenblick in die Hand genommen wo Politiker ihre nicht aufgehalten haben, ganz legal, diese Kreise, lassen sich ungern stören, aber deshalb muß ich doch nicht an der Biegung des Flusses sitzen bleiben bis die Leiche meines Feindes vorbeifließt.

    Schließlich machen sie aus unserem Land ihr eigenes, ein Scheinreich, sie schreiben es liebe und sprechen es loben . Mit wem wollen sie da noch reden, dafür ist außer Psychiatrie keiner zuständig; das nennt man ansonsten schizophren machende Faktoren in der Familiengruppendynamik.

    Vielleicht bekommen Sie jetzt ein gewisses Frontgefühl für den Arbeitsstatus als kunstschaffender.
    Es wurden in der Geschichte Ihrer Partei für die Karriere einzelner auch schon ganze Idee geopfert, natürlich holt so etwas ein, aber wer hört schon auf andere wenn er sich selbst meint.

    Mit Ihrem Kulturbegriff wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als mit einer romantischen Kulisse im Koordinatenkreuz weiter den Dienstbotenaufgang der Sonne zu gehen.

    Wir brauchen Räume, verschaffen Sie uns Räume in denen wir unsere Arbeit tun können, Räume für Kunst, ist Raum für Leben, wo jeder Zugang zu seinen unbegreiflichen Seiten bekommt, ist er mit Beliebigkeiten nicht in den Griff zu kriegen, wir brauchen für unser Land solche Menschen, ansonsten werden wir wie Stuckrad Barre mal gesagt hat, „alle in einem Meer von Marshmallows und Coca Cola ertrinken“.

    Nur die Analogie Herr Müller wir hätten mit dem Hinzug in die Viertel selbst für die Gentrifizierung gesorgt, – nein – ein echter Zombie aus dem Grab der Ideen, uns für die Weiterungen anderer verantwortlich zu machen, ist, wie Jesus als Zimmermann mit den Fertigungsmöglichkeiten für ein Kreuz selbst dafür gesorgt hätte, an selbiges auch geschlagen zu werden; ab da verkehre ich im Dialog mit Ihnen an der nächsten Ampel auch nach dem Kreuzigungsrecht.

    Es grüßt

    Wilhelm Fischer-Dango

  9. Kommentar von: Olaf Bargheer

    Anmerkung aus der Redaktion zum vorangehenden Kommentar: Farid Müller ist medienpolitischer Sprecher der GAL-Fraktion im Hamburger Senat.

    Auf seinem Blog http://www.duell-um-berlin.de/2009/11/wer-gegen-wen-kultur-kommerz-stadtentwicklung äußerte er sich zum Manifest “Not In Our Name, Marke Hamburg” z.B. wie folgt:

    “Ich persönlich finde zwar, dass das Papier einige Mißstände aufgreift, aber in der Analyse und der Schuldzuweisung nicht greift. Ich fühlte mich als einer, der sich ja auch viel für die Kreativen einsetzt, missverstanden und ignoriert und war deswegen auch persönlich ein wenig angefasst von dem Manifest. Meine im TV-Interview bei Hamburg1 geäußerten Begriffe wie “bornierter Kultursozialismus” sind aus dieser Situation heraus entstanden. Sie sollen aus meiner Sicht aber nicht mehr die notwendige inhaltliche Debatte überschatten.”

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