Auf den Trittbrettern des Gängeviertels

Irgend etwas ist wohl wieder schief gelaufen im Staate Hamburg: PR-stark angekündigt, haben eine Reihe lokaler Musiker auf Initiative des Label-Betreibers und Konzert-Veranstalters Siebeth Darm einen Tribute-Song mit dem Titel “Komm in die Gänge” eingespielt. Sowas funktioniert prächtig bei Live-Aid und Haiti, warum also nicht auch für das Hamburger Gängeviertel. Dumm nur, dass die dort engagierten Künstler nichts davon wussten und auch gar nicht wissen wollen. Die Spenden- und Eintrittsgelder der “Gänge Allstars” jedenfalls gehen nicht an die Initiative im Gängeviertel, sondern – immerhin – an Viva con Aqua. In den Web-Foren ist nun ein Streit um Deutungshoheit, Markenverwendung und Authentizität entbrannt, der viel aussagt über die Vermarktungsmechanismen und die undeutlichen Abgrenzungen von alternativen / off / underground / NGO Initiativen. Für Leser, die den Public Relation Flächenbrand nicht in der Facebook-Gruppe des Gängeviertels mitverfolgen, hier eine Compilation.

Link Gänge Allstars
Link Gängeviertel Facebook Gruppe

18 Musiker performen den Song “Komm in die Gänge”. Aufgenommen vom 07. bis 09.02.2010 im Rekorder Studio auf St. Pauli. Die “Gänge Allstars” unterstützen die Organisation “Viva con Agua”. Live-Konzert am Montag 19.04.2010 im Knust.


“Gänge Allstars” Musiker

Neil Hickethier, Christian Venus, Björn Maass, Lesley Farfisa, Marten, Catharina Boutari, Duncan Townsend, Tadday, Katrin Wulff, Chris Buseck, Michael Zlanabitnig, Martin Kilger, Marcel Blunk, Herr Olsen, Martin Schroeder, Crille, Tim Willig

“Gänge Allstars” Songtext

Komm in die Gänge

Ja Ja Ja Ja Ja
Wir kommen in die Gänge
Ja Ja Ja Ja Ja

Wir wollen kein Disneyland
Alles rosa & heile Welt
Wir wollen dass endlich was passiert
Bevor alles zerfällt
Doch sie reden und zerreden
Denken zielstrebig global
Und wenn es zu den Taten geht
Wird alles total egal

Ja Ja Ja Ja Ja
Wir kommen in die Gänge
Ja Ja Ja Ja Ja

Sie planen und verplanen
Über uns wird spekuliert
Sie lieben hohle Phrasen
Fakten werden ignoriert
Sie reden von Erfolgen
We call it Climate Shame
Wir wollen mit ihnen nicht untergehen
Not in our name

Nein Nein Nein Nein
Wir kommen in die Gänge
Ja Ja Ja Ja Ja

Herzlichen Glückwunsch
Zum tausendsten Palast
Kein Leben, keine Seele
Zwischen Stahl, Beton und Glas
Es wird Zeit, dass was passiert
Warum wird das ignoriert

We call it global shame
Not in our name

“Gänge Allstars” Pressetext von Stefan Krulle

Goethes “Faust” ist ein grandioses Werk, Goethes “Faust” ist aber leider oft auch missverstanden worden. Wie grölte doch der Zecher dort in Auerbachs Keller? “Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!” Die trunkene Dummheit wurde zum geflügelten Wort und hält sich bis in unsere Tage, auch wenn vor etwa 30 Jahren ein paar Liedermacher mal erfolgreich das Gegenteil behaupteten und es sogar bis zur treuen Gefolgschaft brachten.

Das politische Lied ist halt eine zarte Pflanze, die des Nährbodens bedarf. Auch deshalb ist seine Zeit jetzt, da Bürger zu Objekten der Gier von Spekulanten werden, die Klimaerwärmung unsere Meeresspiegel steigen lässt und die Politik dem Einzelnen immer weniger Schutz bietet, wohl wieder einmal gekommen. Zeit also für Musiker, etwas “dagegen” zu unternehmen, natürlich mit jenem Mittel, welches er am besten beherrscht: Musik machen und singen.

Als jetzt in Hamburg das historische, von Künstlern bevölkerte Gängeviertel zum Spielball der Spekulanten zu werden drohte, da schrieb der Hamburger Siebeth sich mit einem Song die Wut aus dem Bauch. “Auch wenn der Song nicht nur vom Gängeviertel handelt”, sagt Siebeth, “so ist er doch für mich inzwischen zum Synonym dafür geworden, dass man etwas bewegen kann, wenn man nur will.” Und so erheben nun Siebeth und die Kollegen Neil Hickethier, Christian Venus, Lesley & Björn Maass (Der Fall Böse), Tadday, Catharina Boutari, Duncan Townsend, Katrin Wulff, Marten (One Fine Day), Chris Buseck, Michael Zlanabitnig (The Life Between), Martin Kilger, Marcel Blunk (Balboa Inn), Herr Olsen, Crille, Tim Willig und Martin Schroeder ihre Stimmen in “Komm in die Gänge” zum Statement. “Das Projekt”, so Siebeth, “ist beeinflusst durch viele Strömungen und Organisationen, die einfach keine Lust mehr hatten, alles mitzumachen oder so zu lassen, wie es ist. Daraus entstand die Idee, mit unseren Mitteln etwas zu tun – die Gänge Allstars waren geboren.”

Bei aller Botschaft: “Komm in die Gänge” ist nicht bloß nebenbei auch ein prima Popsong geworden, der sich über Hamburgs Grenzen hinaus zur Hymne mausern könnte.

Das Lied wird über die gängigen Internet-Formate (MySpace, YouTube etc.) verbreitet, ist zunächst gegen eine freiwillige Spende zugunsten von “Viva con Agua” als Download erhältlich. Ein Video ist online und ein Making-Of wird folgen. Und was außerdem vermutet werden darf: Das Beispiel wird Schule machen. Gut so.

Compilation der Diskussion innerhalb der Gängeviertel Facebook Gruppe am 08. und 09.03.2010

Gängeviertel: Klarstellung: Bevor uns weitere Anfragen zu dieser Aktion erreichen, hier ein Statement. Die Band “Gängeallstars” mit dem “Lied Komm in die Gänge” ist ohne unsere Zustimmung initiiert und produziert worden. Die Spenden kommen nicht uns zugute und wir nehmen Abstand zu dieser Aktion.

Gängeviertel: wir distanzieren uns von der marktorientieren machart dieses projekts und nicht von den künstlern, wir haben ein problem damit, dass es ohne unsere zustimmung veröffentlicht wurde. wir hätten einfach gerne selbst entschieden wie und auf welche art man unser engagement und den namen unserer intiative verwerten. im detail: es wurde eine facebook, myspace und internet- seite eröffnet und der slogan “komm in die gänge” auf eine art verwertet, die wir einfach nicht gut finden. es laufen spendenaufrufe über online und print, die uns nicht erreichen. es findet ein konzert statt an dem ein gastronom und nicht unsere bar oder “recht auf stadt” verdient, wir wurden dazu auch nicht gefragt. desweiteren ist eine compilation geplant, zu der wir auch nicht befragt wurden. und damit eine sache klar wird: man respektiert voll und ganz das engagement der künstler, das ist auch in einer respektvollen art und weise übermittelt worden. wir unterstellen hier niemandem böse absichten! höchstens eine schlechte kommunikation und voreiliges handeln, dessen ergebnis nun dieses hier ist. aber wir möchten nicht, dass man dinge ungefragt in einen zusammenhang stellt, den es so nicht gibt, denn der song hat laut aussage des produzenten nichts mit dem viertel und den menschen dort zu tun. das alles hat ihn nur inspiriert sich politisch zu äussern. das soll auch so sein. das wäre aber auch ohne die verwertung des namens einer intiative möglich gewesen. wir hätten dazu auch gerne beraten. wir hätten gerne die möglichkeit gehabt zu sagen, wir sehen das oder so. wir wurden gefragt, so viel muss man sagen, jedoch wurde alles veröffentlicht und professionell promoted, bevor es ein ok gab. aus diesem grund distan-zieren wir uns und sagen, diese aktion hat wenig bis nichts mit uns zu tun.

Ju Lia: Uuuh, jetzt haben sich ganz langweilige Normalos mit eurem Projekt solidarisiert dass ja eigentlich nur für eine alternative “linksradikale” Elite gedacht war? Und noch nicht mal auf dem Plenum abgesprochen! Wirklich ärgerlich sowas! Wer seid denn “ihr” dass man eure Zustimmung zur Meinungsäußerung braucht?

Gängeviertel: ju lia..hier rennen eine menge langfweilige normalos, neben linken spinnern, neben freakigen künstlern oder wie man sie sonst noch so nennen möchte umher und sind alle schön gemeinsam dabei. sorry, aber du bist offensichtlich falsch informiert über das was bei uns so läuft. komm doch vorbei und mach dir ein bild, bevor du solche kommentare abgibts. jederzeit offen und ja man sollte menschen schon fragen, bevor man ihr engagement nutzt, ist doch irgendwie ganz “normal”.

Kim Voigt: und so schnell gehts vom wir zum ihr oder die oder das … auf jedem Fall schon ne geschlossene Gruppe mit allem drum und dran?

Anthony Zornig: Nee, keine geschlossene gruppe. Hier finden sich alle, die sich die Welt vorstellen, wie sie am vernünftigsten wäre. Das Gängeviertel verdient schon ganz gut an der Gentrifizierung. Warum nicht alle anderen auch?

Siebeth Darm von den “Gänge Allstars”: Hallo Alle! Ich möchte weder auf einen fahrenden Zug aufspringen noch mich durch dieses Projekt profilieren. Ich habe das Projekt aus tiefster innerer Überzeugung gemacht, ebenso wie die anderen Künstler. Ich habe das Projekt “Gänge Allstars” und den Titel KOMM IN DIE GÄNGE gewählt, weil das Gängeviertel und die Leistung der Leute für mich ein Synonym geworden ist, dass man etwas bewegen kann, wenn man will. Der Song geht aber auch um noch mehr: BNQ, Not in our name, Recht auf Stadt, Frappant etc. Daher wollte ich, dass eher alle Spenden an eine Vereinigung gehen als an viele. Deswegen habe ich Viva con Agua gewählt. Ich verdiene nichts an dem Projekt, ich habe bisher nur reingesteckt und so soll es auch bleiben. Ich hoffe, diese Zeilen bringen mehr Licht in die Angelegenheit.

Clara Rakemann: “Jede PR ist gute PR” funktioniert halt auch andersrum. Das Lied hat, wenn man das Feedback hier betrachtet, eine andere Zielgruppe als die Mitglieder dieser Gruppe. Vielleicht werden sie sogar erst dadurch auf das Gängeviertel aufmerksam, also freut euch drüber! Euch tut’s nicht weh und Viva con Agua kann man die Spenden gut gönnen!

Gängeviertel: der post hatte nicht den willen, leute die sich engagieren wollen, zu dissen oder irgendwas zu unterstellen! auch wollte hier niemand eine bewertung abgeben, wir sagen nur wir möchten gefragt werden und wenn nicht, dann dürfen wir das auch nicht gut finden, thats all! wenn man mit dieser einstellung gleich zum marketingnazi abgestempelt wird, fehlt mir etwas der gesunde menschenverstand. wir sagen lediglich, wir haben das nicht gemacht und stehen nicht dahinter, denn es hat einfach nicht wirklich was mit uns zu tun, wenn es das hätte, wäre es auch kein problem, dass es den namen trägt.

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3 Responses to “Auf den Trittbrettern des Gängeviertels”

  1. Kommentar von: Sandra Felber

    ich denke, dass man sich an dieser stelle nicht zu sehr an dem begriff “marke” stören sollte. das prinzip “marke” ähnelt im grunde sehr dem begriff “persönlichkeit”. auch eine “bewegung” oder initiative wie “komm in die gänge”, hat eine persönlichkeit, einen standpunkt – in diesem falle einen diskursiven, und eine historie. aber der thematische kern, der grundsätzliche standpunkt ist jedem, der die thematik aufmerksam verfolgt hat, klar. und wenn, um auf das eigentliche thema zurückzukommen, sich eine band nun dieser bewegung zuordnen und etwas beitragen will, sollte sie zumindest, persönlich, mit den initiatoren von kidg sprechen. eine anfrage – ohne die antwort abzuwarten ist insofern völlig indiskutabel.

    für mich grenzt das ganze wirklich an misbrauch geistigen eigentums. und aus meiner sicht macht es die koppelung mit der spendenaktion für viva con aqua, fast noch schlimmer, weil das in diesem zusammenhang eigentlich noch eine form von emotionaler erpressung ist.
    kann sein, dass die aktion -vor allem die kommunikation schlecht durchdacht war. es kann aber auch sein, dass die gänge allstars oder ihre produzenten genau darauf spekuliert haben um aufmerksamkeit für sich zu generieren – und zwar auf kosten des gängeviertels.

    sich davon zu distanzieren finde ich daher völlig in ordnung.

    cheers
    S*

  2. Kommentar von: Tim

    um mal eins klar zu stellen, fragen gehört auf jeden fall zur feinen englischen art… man darf darüber schon verärgert sein, nur bitte keinen langen streit anfangen, wenn die jungs damit ne menge geld für viva con aqua rausholen, würdet ihr euch doch auch freuen, oder seid ihr dann eingeschnappt? wenn ihr darüber noch weiter streitet, seid ihr nicht besser als die werber, die auf ihr urheberrecht pochen, hier sollte man schon ein wenig kommunistischer denken, schließlich geht es mit all den anstrebungen die beide seiten machen, um die verbesserung von sozialen dingen und nicht um den eigenen ruhm oder die geldbörse… es ist ja auch scon alles gesagt… guten tag

  3. Kommentar von: Joachim

    ich bin über die “not in our name” webseite auf den Song und die Diskussion hier gestossen und bin als außerhalb Hamburgs lebender erstaunt über die kritik der kritischen äußerungen des gängeviertels.
    wenn denn “das Gängeviertel und die Leistung der Leute für mich ein Synonym geworden” sind, ist es umso erstaunlicher, dass der Song nicht direkt und damit auch spenden direkt an das gängeviertel gehen. die anderen initiativen hätten sich sicher mitgefreut.

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