Tomorrow, in a year
Warum nur Münster, dachte ich, als ich mit meinen beiden Kumpels stadteinwärts fuhr und mein gelangweilter Blick – sediert von den ewig gleichen, vorstädtisch eingegrauten Wohnvollzugsanstalten – plötzlich amüsiert auf ein Schild fiel, das die Veranstaltungshighlights der nächsten Wochen auflistete: „Europas größte Kegelparty“ im Messe und Kongress Centrum Halle Münsterland.
Auch geil.
Münster, das sich selbst als „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“ bezeichnet, hat wirklich einiges zu bieten.
Es ist historisch nicht überliefert, ob Henry Kissinger, der ehemalige US-Außenminister, der auf der Homepage des Münster Marketings mit dem Satz zitiert wird „in Münster habe ich die ungewöhnliche Gelegenheit gehabt, einem bemerkenswerten Stück Geschichte zu begegnen und daran teilzuhaben“ seinerzeit eine der legendäre Kegelpartys in der Münsterlandhalle besucht hat, bevor er sich zu diesem Zitat hinreißen ließ.
Aber jetzt mal im Ernst: Münster hat WIRKLICH was zu bieten.
Denn wir sind hier, um das Zusammenreffen zweier Ausnahmekönner in ihren jeweiligen Disziplinen zu begutachten.
Charles Darwin, der durch seine visionären Forschungsarbeiten und das daraus resultierende Buch über die Entstehung der Arten vor 151 Jahren die Wechselbeziehung aller Dinge in der Natur neu definierte und THE KNIFE, die schwedische Avantgarde Elektroband in Gestalt der Geschwister Olaf Dreijer und Karin Dreijer Anderson, die mit ihrem transformablen Sound mittlerweile schon ein knappes Jahrzehnt die Moleküle populärer Musik in ihre Elementarteilchen zerlegen, um sie danach wieder zu einem völlig neuen Klanguniversum zusammenzuexperimentieren.
Moment mal!
Münster – Darwin – The Knife
Was auf den ersten Blick so aussieht, als hätte man willkürlich eine Kausalkette aus Zuchtperlen, Brillanten und Brauseringen aneinandergereiht, fügt sich bei genauerer Betrachtung durchaus zu einem tragbaren und schlüssigen zeitgenössischen ménage à trois zusammen.
Aber dazu später mehr.
Von außen betrachtet versprühen die städtischen Bühnen Münster den architektonischen Charme einer modernisierten Autobahnrasstätte mit angegliederter Fastfood-Filiale. Dieser Eindruck setzt sich zunächst auch in der Eingangslobby fort.
Nachdem wir erfolglos versucht haben, meine kostenlosen Parkett-Pressekarten gewinnbringend zu verhökern, entscheide ich mich trotzdem dafür, die Show, ääh die Oper auf den billigen Rängen mit meinen Kumpels zu genießen.
Wir sind spät dran und es bimmelt in einer Tour.
Nachdem wir die Treppen zum 2. Rang hochgehechelt sind erwartet uns allerdings beim Betreten unseres Balkons ein unerwarteter Anblick.
Der Theaterinnenraum mit seinen fast 1000 Plätzen ist riesig und wartet mit einem einzigartigen Design auf. Was bei der Außenfassade noch als typisch sozialistischer 60er Jahre Zweckbau im Erich Mielke Gedächtnis Stil daherkommt, überrascht im Innenraum mit erfrischend stilvollen Design Elementen wie z.B. Bastverkleidungen and den Balkonen oder einer Lichtdecke aus gefühlten 1000 Lampignons in unterschiedlichen Formen und Größen, die an die Formensprache skandinavischer Design-Ikonen der 50er und 60er Jahre wie z.B. Finn Juhl oder Hans Wegner erinnern.
Tomorrow, in a year versteht sich selbst als moderne Oper, die von der dänischen Performancekunstgruppe Hotel Pro Forma unter der Leitung von Kirsten Dehlholm inszeniert wird. Jede Aufführung ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Disziplinen: Musik, Architektur, Bildende Kunst, Wissenschaft, Film und digitale Medien. Seit 1985 hat Hotel Pro Forma weit über 100 ortsspezifische Inszenierungen für architektonisch signifikante Gebäude produziert.
Jede Produktion wird als neues Forschungsobjekt angesehen, bei der Architektur, Tradition und Geschichte des Aufführungsortes als „Mitwirkende“ fungieren.
Verbindet man jetzt diese Fakten mit der Tatsache, dass die Städtischen Bühnen Münster nach dem Neubau Mitte der 60er Jahre von der Fachpresse als „Donnerschlag“ der Theaterarchitektur bezeichnet wurden und aufgrund ihrer variablen Raumsituation besonders zeitgenössischen und experimentellen Theaterformen gerecht werden konnten, schließt sich der Kreis und das erste Glied meiner vorher angefangenen Kausalkette, nämlich warum gerade Münster der erste und einzige(!) Aufführungsort von Tomorrow, in a year in Deutschland geworden ist, wäre sozusagen eingefädelt.
„Dinge ändern sich, wenn man es will, dass sie es tun, aber auch, wenn man es nicht will.“
Dieser Satz von Charles Darwin steht im Zentrum seiner Forschungsarbeit zur Entstehung der Arten und sagt nicht mehr und nicht weniger aus als, dass die Evolution von stetigem Wechsel und Veränderungen begleitet wird. Was für heutige Verhältnisse relativ normal und logisch klingt war seinerzeit ein Skandal, weil Darwin daraus schlussfolgerte, dass die Artenvielfalt durch beständige Aufspaltung entstanden ist, der ein Urkeim zugrunde liegt. Aus jener Erkenntnis wiederum würde die für die damalige Zeit ungeheuerliche These resultieren, dass der Mensch im Laufe der Evolution als ein zufälliges Produkt dieser beständigen Aufspaltung entstanden ist und nicht durch einen Schöpfungsakt Gottes.
Das war um 1859 ungefähr so revolutionär, als würde man heute behaupten, die Weltreligion des 21. Jahrhundert ist Fußball und Franz Beckenbauer wird den Papst als Stellvertreter Gottes (Fritz Walter) auf Erden spätestens zur nächsten WM 2014 ablösen.
Der Vorhang geht auf.
Die Bühne besteht aus 3 Hauptelementen: der Bühne selbst, auf der ein Großteil der begleitenden Tanzperformances stattfinden, einem rechteckiger, ca. 2 Meter hohen und ca. 10 Meter langen, beleuchteter Quader, der als 2. Bühne dient und einer große Projektionsfläche, die über dem Quader hängt, bei der auf der rechten, unteren Seite ein beleuchteter Würfel ausgespart ist, der als 3. Spielfläche dient.
Die Oper wird komplett in Englisch gesungen, am Bühnenhimmel werden die Gesangspassagen auf einer LED Anzeige, sozusagen, übertitelt.
Zum wabernden, sphärisch elektroieden Klängen, bei denen die Fever Rayschen und The Knifeschen Gene nicht zu überhören sind , betritt die Mezzo-Sopranistin Kristina Wahllin die Bühne, eine von nur drei Gesangsstimmen. Wahlins Timbre ist eisklar und klassisch und steht im krassen Gegensatz zur der modernen Musik (die übrigens vom Band kommt). Da sie einen Großteil der Gesangspassagen bestreitet, könnte man denken, dass Kristina Wahlin der erdende Part bei dem ansonsten experimentellen Opern Ansatz zufällt.
Die Oper ist in vier Akte, oder wie es im Libretto auf neogermanisch heißt, „Parts“ aufgeteilt:
Part 1
Wir erleben die ganze Oper aus der „Ich“-Perspektie Darwins. Die Projektionsfläche ist oft mit ziemlich langweiligen Landschafts- und Naturaufnahmen unterlegt die zeitweise an einen kitschigen Windows Bildschirmhintergrund erinnern. Darauf werden immer wieder Impressionen, Aphorismen und Erkenntnisse Darwins, wie z.B. „every species changes“ mit einem Laser gezeichnet. Im ersten Teil begeleiten wir den Wissenschaftler auf seiner 5-jährigen Reise um die Erdkugel auf der „H.M.S. Beagle“, die Darwin in seiner Jugend unternahm. Wir beobachten ihn beim Beobachten. Der von Jonatan Johanson gespielte Wissenschaftler macht sich Notizen und wir schlüpfen, dank der Transkription seiner Gedanken, in die Rolle des überwältigten Protagonisten und sollen so nachfühlen, wie er die Vielfalt und Schönheit der Natur wahrgenommen haben muss. Dabei legt die Inszenierung besonderen Wert darauf, die permanente Veränderung der Dinge ins Zentrum der visuellen und auditiven Erkenntnis zu stellen. Dies gelingt mal besser, mal schlechter. Wenn der Laser das sich über Jahrtausende verändernde Profil einer Steilküste auf der Projektionsfläche nachzeichnet, könnte man das als Symbolik für die langsame Veränderung der Dinge sehen. Im Gegensatz dazu steht die eruptive, kraftvolle Musik, die mit ihren Tempiwechseln und Akkordsprüngen eher für den schnellen Wechsel in der Natur steht.
Part 2
Im Zentrum des zweiten Teils stehen die Briefe an seine Tochter Annie, die mit zehn Jahren verstarb. Immer wieder hören und lesen wir Passagen bzw. Zitate Darwins in denen er seiner kranken Tochter Mut zuspricht und ihr sagt, wie sehr er sie liebt. Diese, teilweise sehr emotionalen und persönlichen Dokumente, werden durch den sehr sphärisch und organisch anmutenden Song „Annies Box“ abgerundet, der, laut Libretto, „zwischen zwei dramatischen Sequenzen eingebettet ist, die untersuchen, wie jedes Ding aus noch kleineren Teilen aufgebaut ist.“ Man könnte interpretieren, dass die Regisseure Ralf Richardt Strobech und Kirsten Dehlholm in diesem Akt das Wunder des menschlichen Körpers mit seinen Millionen von Mikroorganismen und Zellen unter die Lupe genommen haben und anhand der Allegorie seiner sterbenden Tochter dokumentieren, wie Darwin die Veränderung der Dinge schmerzhaft am eigenen Leib erfahren muss.
Part 3
Ausgangssituation für den dritten Teil der Aufführung ist die Veröffentlichung seines Buches „The origin of species“ , das Darwin über eine Zeitspanne von 20 Jahren schrieb. Er wusste, dass er ein Buch mit solch weit reichenden Erkenntnissen, das die Weltanschauung der damaligen Zeit völlig auf den Kopf stellte, nur nach sorgfältiger und akribischer Recherche veröffentlichen konnte. Dabei halfen ihm auch seine Erkenntnisse über das Artenverhalten der Tauben, die Darwin durch die jahrelange Beobachtung seiner eigenen Zucht gewonnen hatte. Diese Themen stehen im Focus der visuellen und klanglichen Inszenierung des 3. Parts.
Part 4
Der letzte Akt der Aufführung führt uns zurück in die Gegenwart. Der rechteckige Quader auf der Bühne spielt beim Schlussakt die Hauptrolle. Er wird von den Tänzern (ach ja, die Tänzer.. dazu gleich mehr..) um 90 Grad auf die Längsseite gedreht, bevor er dann schließlich geteilt wird, um sein komplexes Innenleben aus Scheinwerfern und Verkabelungen freizugeben. Eine durchaus beeindruckende Prozedur, die die Spielfläche der Bühne um eine neue Dimension bereichert. Auf mich wirkt dies Prozedur wie der Blick durch ein Mikroskop, in dem wir, in millionenfacher Vergrößerung, Zeuge einer Zellteilung in einem komplexen Organismus werden. Mit dem Song „The Height of Summer“ , der klingt, als hätte man den „The Knife“ Klassiker „Heartbeat“ via iPod durch eine Hochspannungsleitung gejagt, wird von Laerke Winther gesanglich eher schmallippig begleitet und beendet den Schlussakt schließlich klanggewaltig.
Die Tänzer.
Puuh. Meiner bisherigen Kritik konnte man nicht wirklich entnehmen, dass es sich hier auch bzw. in nicht unerheblichem Maße um eine Tanzperfonmance handelt. Das liegt teilweise daran, dass ich grundsätzlich meine Probleme mit Tanzperformances habe, weil sie oft sehr waldorfesque anmuten (zumindest die, die ich bis jetzt gesehen habe). Im Falle von tomorrow, in a year allerdings fehlt mir einfach die Bindung der Tänzer zum Rest der Inszenierung. Ihr zeitweise abgehakter Tanzstil hat mich an frühere Selbstversuche in meiner Clique erinnert, als wir versuchten, den Bewegungsalgorithmus von C2PO, dem Roboter aus Star Wars, zu kopieren. Das ging auch meistens ziemlich in die Hose.
Ich will dem Choreografen Hiroaki Uneda nicht zu nahe treten, aber wenn es im Libretto heißt, dass „Umeda Ansätze wie hell und und Dunkel, Rhythmus und Zeit als ein Spiegel und Echo des Köropers benutzt, um für seine Inszenierung eine Verbindung zwischen dem Körper und dem technischen Medium zu schaffen,“ dann ist ihm genau das bei dieser Inszenierung nur sehr sporadisch gelungen.
Epilog
Musikalisch ist die Inszenierung durchaus gelungen und überzeugt mit der von The Knife und Fever Ray gewohnten Bandbreite – von Tech House bis mystic chill (gibt es das?)–. Ein dicker Minuspunkt ist, dass die Musik komplett vom Band kommt.
Bühne, Projektionen und Licht sind stimmig und überraschen mit teilweise experimentellen Effekten wie z.B. Bodennebel, der das Laserlicht bricht und dadurch die Anmutung von Wellen erzeugt.
Die Gesangsparts werden zwar live in die Musik eingemischt, wirken aber trotzdem oft wie ein verloren gegangener Satellit im elektronischen Klanguniversum der Dreijer Geschwister.
Was bleibt am Ende?
Der Menge perfekt gestyleter Hipster nach zu urteilen, war die Aufführung ein großer Erfolg, denn sie führte zu wilden Beigeisterungsbekundungen, wie man sie von diesem Publikum ansonsten nur nach der Ankündigung eines Acne Sales erwartet.
Und natürlich die Kausalkette.
Münster-Darwin-The Knife
Was Darwin und The Knife wahrscheinlich gemeinsam haben ist, dass sie nie in Münster waren, obwohl sie beide zu den Hauptprotagonisten der Oper zählen.
Für den einen wird es, posthum, unmöglich, das noch nachzuholen. Die Dreijer Geschwister könnten diese Scharte noch auswetzen.
Die nächste Kegelparty kommt bestimmt.
Hotel Pro Forma, Kopenhagen
Musik: THE KNIFE
05.06.2010, Städtische Bühnen Münster




26. Juni 2010, 23:39 Uhr
Gelungene Vorstellung. die Kausalkette ließe sich aber sicherlich erweitern: 1000 Hipster beim Trockencurling 2011 in Münster… die nächste Kritik kann kommen.
28. Juni 2010, 14:59 Uhr
sehr informativ und kurzweilig zu lesen.
lg
micha
2. Juli 2010, 10:52 Uhr
gut !
19. Juli 2010, 12:16 Uhr
Sehr unterhaltsam. Mehr davon!
5. September 2010, 13:22 Uhr
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