Lisboa Arte Contemporânea
Ich war langfristig vorbereitet und gut eingestimmt auf unseren Sommer in Lissabon. Anfang März, als das Apartment an der Praça Rossio gebucht war, traf ich Fernando Brito bei der Wiedereröffnung eines sagenhaft guten koreanischen Restaurants in Eimsbüttel. Wir waren die einzigen Nichtkoreaner am Tisch. Man hatte uns, weil wir Stammgäste waren, regelrecht zu einer Familienfeier eingeladen. Fernando Brito kenne ich aus gemeinsamen Zeiten bei der Galerie White Trash Contemporary, die ihn vertritt. Dass er nicht nur ein feinsinniger Künstler, sondern vor allem Portugiese ist, war mir nie so recht in den Sinn gekommen. Nun aber, da Apartment und Flüge gebucht waren, redeten wir bei Kim Chi und asiatischem Bier nicht über Hamburger Kunst, sondern über die Galerieszene von Lissabon. Am Tag darauf schickte er mir eine beträchtliche Linkliste, versehen mit Anmerkungen, ich solle diesen und jenen herzlich von ihm grüßen.

Eine Woche später stand man mit Pedro Cabrita Reis im Untergeschoß der Galerie der Gegenwart. Die Kuratorin Sabrina van der Ley hatte Cabrita Reis seine erste große Einzelausstellung in einem deutschen Museum verschafft. Ganze Zwischenwände hatten für seine Installationen herrausgebrochen werden müssen. Fünf Monate später saß ich in Lissabon, Fernando Brito und Pedro Cabrita Reis Area, und hatte trotz grunsätzlich anderem Programm wirklich auch ein oder zwei Reportagen zur zeitgenössischen portugiesischen Kunst und Galerieszene auf dem Schirm. Dieses ist eine davon, und sie wird auch genügen.
Die Portugiesen machen im August Urlaub. Und das meinen die wirklich ernst. Das ist nicht nur so ein Theater- und Schulferienurlaub wie in Hamburg. Hier wird umstandslos dicht gemacht. “Estimados Clientes” – “geschätzte Kunden” – steht es dann auf handgeschriebenen Zetteln an den verrammelten Türen, wir sind in den Ferien und ab dem 1. September wieder für sie da. Dabei ist ein Großteil der Lissabonner bloß an den Stränden auf der südlichen Tejo-Seite oder, wenn es hochkommt, auf den Azoren. Von Kultur keine Rede. Gastronomiebetrieb auf kleiner Flamme. Was interessiert: Der halbe Norden des Landes ist von Waldbränden verheert, Braga spielt gegen Sevilla um den Relegationsplatz in der Champions League. Sporting Lissabon gegen Brøndby in der Europa Liga. Brøndby wähnt man in den Niederlanden und mich als Niederländer, dadurch hatte ich einen guten Abend in meiner Stamm-Pasteleiria, vor dem Plasma-Fernseher (dazu gab es Chocos, frittierten Tintenfisch, aber nicht die Tentakel, die heißen Polvo, sondern die Kopfstücke. Pommes Frites zählen als Gemüse, also besteht eine ordentliche portugiesische Fleisch- oder Fischbeilage aus Reis und patatas fritas, etwas Grünes braucht es nicht).
Zum Glück gibt es Calouste Gulbenkian und Joe Berardo. Der ungeheuer komplizierte Name des ersten resultiert aus seiner armenischen Herkunft. Man muss ihn sich als eine Art Ian Karan von Portugal vorstellen. Und sechzig Jahre vorher. Gulbenkian hat in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit allem Geld gemacht, was damals zu sagenhaftem Reichtum führte (Öl, Kupfer, Kautschuk). Daneben war er, was nicht eben selbstverständlich ist, mit einem Sinn für Geschmack und Corporate Citizenship ausgestattet. Ohne Förderung durch die Gulbenkian Stiftung gibt es heute außerhalb von Portugal kaum ein portugiesisches kulturelles Projekt. Und keine atemberaubande Sammlung von allem, was “gut und teuer ist” (das steht selbst auf hauseigenen Websites und in Katalogen so). Gulbenkian sammelte schlichtweg “nur das Beste” aus allen Stilepochen, und das kann man sich heute, sechzig Jahre nach seinem Tod, in einem äußerst geschmackvollen Gebäudekomplex aus 60er Jahre Architektur anschauen: persische Teppiche und Fayencen, japanische Lackschatullen und Kalligrafie-Sets, chinesische Jade und Keramik, niederländische Meister des Goldenen Zeitalters, französischer Barock, klassizistische Interieurs. Gulbenkian hat alle diese Kunst- und Kunsthandwerksgegenstände nicht gesammelt – er hat damit seine üppig dimensionierte Villa im Lissaboner Norden (Avenidas Novas) eingerichtet.
Der andere, Joe Berardo, hat in seinem gleichermaßen abwechslungsreichen Leben ein nicht ganz so großes Vermögen erwirtschaftet wie Gulbenkian (außerdem war es – ein halbes Jahrhundert später – IT statt Öl), für zwei ansehliche Fundaçãos de Arte Moderna e Contemporânea hat es aber auch gereicht. Die eine liegt wie ein in den Fels gehauener Bunker an der steilen Südküste von Berardos Heimatinsel Madeira, die andere im 1992 eröffneten Centro Cultural de Belém. Durch die teure, dabei uninspirierte Blockarchitektur des Museu Colecção Berardo zu streifen, ist künstlerisch ein Heimspiel: Thomas Ruff, Andreas Gursky, Sigmar Polke, Berndt und Hilla Becher. Zeitgenössische Kunstsammlungen, egal wo in Europa, scheinen vor allem mit den üblichen deutschen Verdächtigen ausgestattet. Exportnation. Dazu Warhol, Robert Mapplethorpe, Julian Schnabel. Auf drei charmante, dabei autorenmäßig komplett unbekannte Arbeiten in Berardos Colecção soll näher eingegangen werden:
Malgorzata Markiewicz (*1986 Polen) hat für “Smuggled Whisper” (2007) Etikettengrüße von Fabrikarbeiterinnen in die von ihnen produzierten Kleidungsstücke einnähen lassen. Die kleinen Botschaften vermitteln subversiven Witz, aber auch ein erhebliches Maß an Sozialkritik. Stundenlöhne und Arbeitsbedingungen in Schwellenländern schießen einem durch den Kopf, wenn man die an Kleiderstangen aufgehängte Kollektion und die paarweise angeordneten Fotografien durchgeht. In der Umsetzung einfach, im Freisetzen von Nachdenklichkeit vielschichtig, ihre smuggled whispers.



Joana Vasconcelos (*1971 Portugal) geht mit ihrer unumwunden “Burka” (2002) betitelten Installation in die Vollen – ein Reizthema, keine Frage. Und sie lässt es krachen. Eine elektromotorbetriebene Krankonstruktion zieht Vasconcelos’ Burka alle paar Minuten in vier Meter Höhe – um sie dann mit einem dumpfen Schlag fallen zu lassen. Was Schwerkraft und Luftwiderstand dabei mit den bunten Stoffbahnen anstellen, ist schon malerisch. Wie Brokatvorhänge und Seidenvolants breiten sich die Burkaschichten auf dem kreisrunden Podest aus. In der Mitte der verhüllte Kopf, Holz offenbar, unheimliche Puppenaugen hinter einem Netz, viele Gedanken, die von der Kunst in das gesellschaftspolitische Leben zurückschießen, auch bei dieser Arbeit.



Justine Triet (*1970 Frankreich) ist direkter, weil dokumentarischer, aber auch sie baut die eine und andere Verschlüsselung in “Sur Place” (2006) mit ein. Gestandene 26 Minuten verfolgen wir das aufgeladene Treiben auf einem (offenbar) im Herzen von Paris gelegenen Platz (Haussmann-Architektur, Straßenschilder), auf dem wütende Jugendliche einer Front von Pressefotografen gegenüberstehen (eben nicht Polizisten) und sie über die freie Fläche hinweg beschimpfen, attackieren und mit Pflastersteinen bewerfen. Sous les pavés la plage. Hintergründe bleiben unaufgeklärt. Wann die Auseinandersetzungen aus welchem Grund losgebrochen sind (Banlieu-Riots?), darüber nachzudenken bleibt dem Betrachter überlassen. Justine Triet setzt bei ihrer Arbeit offenbar bewusst auf die Austauschbarkeit der Ursachen von öffentlicher Gewalt – und auf die choreografische Wirkung ihrer leicht aus der Vogelperspektive gefilmten Szenerie.

Unbestritten, dass Videoinstallationen hungrig machen und das Konzeptionelle der Exponate der Berardo Collection den Sinn nach brachialer portugiesischer Hausmannskost weckt. Und eine gut, also grob gemachte Feijoada Transmontana (was für ein schöner Name für einen Bohneneintopf) in der Cafetaria Luis (Rua do Embaixador, bloß eine Seitengasse von der touristisch geprägten Promenade von Belém gelegen), das ist große Kunst, wenn auch volkstümlich und wenig contemporary. Als sobre mesa eine himmlisch süße Honigmelone. Eine Gruppe Bauarbeiter am Nebentisch, der vorbestellt war. Das Betreiberehepaar der Cafetaria Luis sammelt Technologiehistorie: Wände und Regalbretter dokumentieren die irrsinnig kurze Halbwertzeit von Mobilfunkgeräten (mein Favourite: ein AEG, Epoche Ende 80er, mit Basisstation, externem Hörknochen und Umhängegurt). Im Fernsehen Nachberichte des Supercups, den Pokalsieger FC Porto im Estadio da Luz gegen Meister Benfica mit 2:0 gewonnen hatte. Das ist zwar politisch nicht so aufgeladen, hat eber dennoch in etwa die Brisanz eines Derbys zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Keine Entrüstung bei den Bauarbeitern: Sie sind Sporting Fans.




Ein empfehlenswerter Guide für kunstsinnige Portugalreisende (außerhalb der “Ferias”) ist die Gate Guia Arte Contemporânea, ein Leporello-Überblick über das Ausstellungsprogramm der führenden Gallerien in Lissabon und Porto.
Zwei Bildstrecken dokumentieren den Sommer in Lissabon, eine bei Flickr und eine bei Facebook.






