Saisonstart Hamburg
Hamburger Sommerferien vorbei, Schulkinder mit Ranzen, Turnbeuteln und Fahrrädern auf den Gehwegen, viel Betrieb und Hallo vor den Bühneneingängen der Theater und den Glasfassaden der Galerien. Ich habe durch vier Wochen Lissabon nicht nur den augenscheinlich verdrießlichen Augustregen verpasst, auch allerlei Dockville-, Kampnagel- und Gängeviertel-Festivalbetrieb ist völlig an mir vorbeigegangen. Am ersten Septemberwochenende also erstmal wieder Jacke überstreifen und reinkommen. Was findet sich Interessantes zwischen den vielen Mails und Facebookveranstaltungseinladungen:
BALTIC RAW ORG war mit der Tower-Installation nicht nur offizieller Hamburg-Auftritt bei der EXPO in Shanghai – Dachlatten und Holzverschalungen werden nun auch im Herzen des Steindammviertels gespaxt. Berndt Jasper, Christoph Jaenisch und Moka Farkas sprechen davon, mit ihrem “Open Museum | Broken Home” ein “Grundstück aus städtischem Besitz vorrübergehend den Gesetzmässigkeiten investorischer Logik zu entziehen”. Eröffnung ist am Freitag Abend 03.09.2010, mit Arbeiten von Cordula Ditz, Greta Brix, Jörn Stahlschmidt und Miguel Martinez. Heimlicher Star ist ein frisch aus Süddeutschland ersteigerter siebziger Jahre Getränkeautomat, der zwar eine gehörige Investitution darstellt, aber stilsicherer und auf Dauer günstiger arbeitet als so mancher Barkeeper.
Wen es am Samstag Abend 04.09.2010 zu Feinkunst Krüger verschlägt, wird nicht nur in die Ausstellungseröffnung der “Rocker’s Original” geraten, sondern auch ein nagelneues GUDBERG Magazin in die Hand gedrückt bekommen. “Das Magazin erscheint anlässlich der Gruppenausstellung mit Originalen der führenden, internationalen Rockartkünstler unserer Zeit, die als Auftakt für die internationale Poster Convention “Flatstock Europe” im Rahmen des Reeperbahn Festivals verstanden werden kann” Schwerpunktthema der GUDBERG Ausgabe “squeegee”: Siebdruck & Rockart. Mit Chicago- & Flatstock-Specials, einem Siebdruck-Manual von 56k und Artworks von Dan McAdams / Crosshair, Douze, Geoff Peveto, Sonnenzimmer und Tilman Knop.
Weil man zu Feinkunst Krüger Vernissagen am besten zur späteren Prime Time hinzustößt und die Galerie in direkter Hafennähe angesiedelt ist, lässt sich trotz prognostizierter Herbstwidrigkeiten die Spielzeiteröffnung des Thalia Theaters kombinieren. Die findet nämlich nicht im Großen Haus am Alsterdamm statt, sondern, wir vor einigen Jahren, im Thalia Zelt, das diese Saison auf dem Strandkai aufgeschlagen wurde. Moment, wird der eine oder andere sagen: Strandkai, HafenCity, early September? Vor eben einem Jahr tobte dort das subvision Festival, oder besser gesagt, der Westwind tobte über die Seecontainer und Installationen auf dem Festivalgelände. Ich habe die Fotos, die ich gestern vor Ort geschossen habe, verglichen mit denen, die während des subvision Aufbaus entstanden sind, und es ist eine frappierende Kontinuität zu erkennen, trotz der angeblich atemberaubend rasch hochgezogenen HafenCity-Quartiere. Die Elbphilharmoniefassade hat ein Jahr später das eine und andere Fenstermodul installiert bekommen – der grundsätzlichen Tatsache, dass der vordere Strandkai vor allem ein wilder Parkplatz für Baufahrzeuge mecklenburg-vorpommern’scher Handwerksbetriebe ist, vermag dieser Baufortschritt nichts entgegenzusetzen. Es bleibt Brachfläche. Bauhelm- und Absperrgitter-Area. Das hochkulturelle Programm im windumtosten Thalia Zelt wirkt in diesem Setting ebenso parasitär eingepflanzt wie seinerzeit die Performances subvision Festivals für internationale Gegenwartskunst. Schorsch Kameruns “Vor uns die Sintflut” Premiere wird sich behaupten müssen am Samstag Abend – nicht nur gegen die Witterung und die umsteigeintensive Anfahrt:
“Eine illustre Gesellschaft hat sich an Bord eines Luxusdampfers versammelt. Doch wo wollen all diese tollen Leute eigentlich hin? Ihre letzten Mittel mussten sie für die geheimnisvolle Fahrt jedenfalls nicht hergeben. Sie wissen, sich elegant zu kleiden, schätzen die französische Küche und sind es gewohnt, bedient zu werden. Die Sänger, Tänzer, Künstleragenten und (Möchtegern-) Bohémiens beschäftigen angegriffene Stimmbänder mehr als der bevorstehende Flüchtlingsansturm auf die Tore Europas. Selbst der ebenfalls auf dem Schiff anwesende Reise-Reporter fühlt sich stärker zur genauen Beobachtung junger Schönheiten berufen, als sich für die internationalen Krisenlage zu interessieren. Nur eine rätselhaft modebewusste Dame scheint von der Welt außerhalb des Schiffssalons etwas mehr zu wissen als die passenden Tanzschritte zur Musik der nur vorgeblich aus Osteuropa stammenden Bordkapelle: Tam, Tam, Tam… irgendwo da draußen wird an Zäunen gebaut, um die Festung zu sichern. Tag und Nacht…
Was geschieht nun, wenn diese Zäune plötzlich durchlässig werden? Wenn sich der Chor der Heizer zur Flüchtlingsschar verwandelt und Einlass in die exklusive Schiffsgesellschaft fordert. Wenn der staatenlose Matrose, der seine Papiere verloren hat, zum unerwünschten Staatenlosen wird und zwischen Grenzen hin und her geschickt wird. Wenn die Balletttänzerin mit den Neuankömmlingen ein heidnisches Fruchtbarkeitsritual choreographiert und der Journalist einem junges Flüchtlingsmädchen in die Augen schaut. Wenn sich also Menschen begegnen, die sich sonst nie begegnen würden.
Diese Kollision von nicht Zusammengehörigen ist es, die der begeisterte Sänger, Segler und Regisseur Schorsch Kamerun in “Vor uns die Sintflut“ herausfordert. Um sich geschart hat er hierzu ein furchtloses Ensemble, drei Hamburger Musiker im Balkankostüm und über zwanzig Chorsänger, die keine Seemannslieder erklingen lassen werden. Und wie aus dem nichts tritt die größte Diva aller Zeiten (Special Guest) noch ein letztes Mal auf und singt ihr schönstes Lied.”
Am Wochenende darauf 10. – 12.09.2010: Ausstellungseröffnungen der Galerien im Kontorhausviertel, Hamburger Theaternacht, William Forsythe’s White Bouncy Castle in den Deichtorhallen, Premiere von Kleists “Penthesilea” im Deutschen Schauspielhaus.
















