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	<title>DARE &#187; Literatur</title>
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	<description>Magazin für Kunst und überdies</description>
	<lastBuildDate>Thu, 22 Dec 2011 13:08:51 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Medienmix Fünfzehnternovemberzweitausendelf</title>
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		<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 19:24:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Olaf Bargheer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Design & Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Schöne, schlimme und in jedem Fall interessante Dinge, auf die man gerne hingewiesen wird. Heute zugegeben etwas burschikose Themen: Ikonen der Kriegsfotografie im LIFE Magazine, schöne Exponate aus achtzig Jahren Automobildesign, Messenger-Bags, sportliche Möbel und Snooker für Fortgeschrittene. Das LIFE Magazin blättert auf seiner Website durch &#8220;50 Photos That Brought the War Home&#8221; (Foto: Capt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Schöne, schlimme und in jedem Fall interessante Dinge, auf die man gerne hingewiesen wird. Heute zugegeben etwas burschikose Themen: Ikonen der Kriegsfotografie im LIFE Magazine, schöne Exponate aus achtzig Jahren Automobildesign, Messenger-Bags, sportliche Möbel und Snooker für Fortgeschrittene.</p>
	<p><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild1.png"><img class="alignnone size-full wp-image-2289" title="111123_DARE_Medienmix_Bild#1" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild1.png" alt="" width="500" height="334" /></a><br />
<span id="more-2288"></span>Das LIFE Magazin blättert auf seiner Website durch <a href="http://www.life.com/hdgallery/66681/image/50590785/50-photos-that-brought-the-war-home#index/0" target="_blank">&#8220;50 Photos That Brought the War Home&#8221;</a> (Foto: Capt. Francis &#8216;Ike&#8217; Fenton, USMC, 1950, photographed by David Douglas Duncan). &#8220;For much of the 20th century, photography was the single most powerful method for conveying the horrors, triumphs, epic challenges, and small, daily struggles of warfare. In searing, unforgettable pictures, great photojournalists quite literally brought war home to millions of Americans. LIFE presents 50 extraordinary photographs from three 20th-century conflicts that, in many respects, were defined by the way LIFE Magazine covered them: images from World War II, Korea, and Vietnam.&#8221;<br />
&nbsp;<br />
<a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild2.png"><img class="alignnone size-full wp-image-2290" title="111123_DARE_Medienmix_Bild#2" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild2.png" alt="" width="500" height="334" /></a><br />
&nbsp;<br />
Weil die Bildstrecke fotojournalistisch großartig aber thematisch schrecklich ist, flippt man anschließend rüber zum Verlag teNeues, der einen opulenten Bildband auf den Weg gebracht hat: <a href="http://www.teneues.com/shop-de/buecher/design/car-design-europe.html" target="_blank">&#8220;Car Design Europe. Myths, Brands, People&#8221;</a> (392 Seiten, 49,90 Euro). Autor Paolo Tumminelli &#8211; Professor für Designkonzepte an der Köln International School of Design &#8211; konzentriert sich in seiner Tour de Force durch achtzig Jahre Automobilbau auf die Kulturgeschichte und die gesellschaftliche Hintergründe des Autodesigns (Foto: Ferrari 400 SA Superfast IV Pininfarina, 1962, dem Bildband entnommen). Ein zweiter Band mit einer Anthologie des American Car Design folgt im Frühjahr 2012.<br />
&nbsp;<br />
<a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild4.png"><img class="alignnone size-full wp-image-2292" title="111123_DARE_Medienmix_Bild#4" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild4.png" alt="" width="500" height="500" /></a><br />
&nbsp;<br />
Eine süddeutsche Firma mit dem wunderbaren Gasthofnamen <a href="http://www.zurschoenenlinde.de" target="_blank">&#8220;Zur schönen Linde&#8221;</a> ist vor einigen Jahren auf die Idee gekommen, muffige Turnhallen zu durchstöbern und Vintage Möbel aus ausgedienten Sportgeräten herzustellen (<a href="http://www.zurschoenenlinde.de/produktuebersicht/sportgeraete/" target="_blank">Foto</a>). Die Schränke und Sitzmöbel aus Sprungkästen, Pferden und Böcken sind aufwendig umgearbeitete Unikate und bestechen durch Patina und gewitze Neuinterpretation.<br />
&nbsp;<br />
<a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild3.png"><img class="alignnone size-full wp-image-2291" title="111123_DARE_Medienmix_Bild#3" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild3.png" alt="" width="500" height="334" /></a><br />
&nbsp;<br />
Ähnlich verfahren die Macher von <a href="http://www.zirkeltraining.biz/" target="_blank">&#8220;Zirkeltraining&#8221;</a>. Nichts liegt angemessener auf einem Sportgeräte-Sideboard als ein Laptop-Sleeve oder eine Fahrradkurier-Tasche aus gebrauchtem Turnmatten-Gummi (<a href="http://www.zirkeltraining.biz/kollektion.html" target="_blank">Foto</a>). Seit 2007 fertigen die Sattler von &#8220;Zirkeltraining&#8221; Taschen aus recyceltem Sportgeräte-Leder und Turnmatten. &#8220;Jedes Stück ist handgefertigt und einzigartig, extrem widerstandsfähig, trägt schweißtreibende und lehrreiche Erinnerungen in sich und ist nicht nur für Sport-Asse interessant. Zirkeltraining kann man nur in ausgewählten Taschengeschäften erkämpfen.&#8221; Eine willkommende Alternative zur LKW-Plane.<br />
&nbsp;<br />
<a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild5.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-2293" title="snooker" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/111123_DARE_Medienmix_Bild5.jpg" alt="" width="500" height="500" /></a><br />
&nbsp;<br />
Der Autor gibt an dieser Stelle zu, seine Mitmenschen oft mit so abseitigen Interessen wie Snooker zu überfordern. Snooker ist sicherlich die eleganteste und anspruchsvollste Art Billiard zu spielen. Mit wenigen Ausnahmen kommen alle Snooker-Asse aus dem Vereinigten Königreich, die Spieler sind auf der Insel hoch angesehene und gut verdienende Sportsmänner, jedes Jahr im Mai werden dort, im ehrwürdigen Crucible Theatre in Sheffield, die Weltmeisterschaften ausgetragen.<br />
&nbsp;<br />
Am vergangenen Wochenende fand in Antwerpen das letzte große Turnier dieses Jahres statt. Das hochkarätige Finale spiegelte den Saisonverlauf. Der frühere Bad Boy Ronnie O&#8217;Sullivan (Foto via <a href="http://www.snookerimages.co.uk/" target="_blank">snookerimages.co.uk</a>) stand dem erst 22-jährigen Judd Trump gegenüber, der unerwartet in Sheffield im Finale gegen John Higgins stand und seither spielerisch durch die Decke knallt. Beide lieferten sich sieben atemberaubende &#8220;Frames&#8221; auf höchstem Niveau. Nach zwei &#8220;Century Breaks&#8221; von Ronnie O&#8217;Sullivan holte sich Judd Trump den entscheidenden Final-Frame, räumte den Tisch ab und siegte mit 4:3. Das Publikum stand. Der üblicherweise zurückhaltend ausgeführte Händedruck fiel auffällig herzlich aus. Ronnie O&#8217;Sullivan weiß, dass er in blutjungen Spielern wie Judd Trump oder Neill Robertson würdige Nachfolger gefunden hat. Nachzulesen sind solche kenntnisreichen Petitessen in den Kolumnen des<br />
&nbsp;<br />
<a href="http://de.eurosport.yahoo.com/snooker/" target="_blank">Eurosport-Kommentators Rolf Kalb</a>, der zu jeder Snooker-TV-Übertragung dazugehört wie die blaue Kreide und die maßgeschneiderten Spieler-Westen.
</p>
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		<title>Pflücke den Tag</title>
		<link>http://blog.daremag.de/2011/11/pflucke-den-tag/</link>
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		<pubDate>Thu, 17 Nov 2011 14:28:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Julia Boog</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Versuch über den Garten in der Literatur]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p><em>Ein Versuch über den Garten in der Literatur</em>. Ein Garten, ein gutes Buch – das klingt auch in der postmodernen Welt, in der nach Alain Ehrenberg Gesellschaft des „erschöpften Selbst“ wie Muße und Erholung; sehen doch im Gegensatz dazu die Gegenwartsdiagnosen durchweg pessimistisch aus. So lesen wir zum Beispiel in Ehrenbergs <em>Das Unbehagen in der Gesellschaft </em>von der „Rückkehr der Nervosität“ und sind gar selbst umgeben von Naturkatastrophen, atomaren Apokalypsen, sozialen Aufständen und Untergängen.<br />
<a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_03_s.jpg"><img src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_03_s.jpg" alt="" width="500" height="365" class="size-full wp-image-2306" /></a><br />
<span id="more-2305"></span><br />
&nbsp;<br />
Im und bei den Grünen spricht man weniger von Beschaulichkeit und Gesundung als von Vogelgrippe, EHEC oder Klimaerwärmung. Ständig ist von Rückgang – ob in der Aufmerksamkeit oder den sozialen Bindungen – sowie Regression – sei es des Geldes, des Wertes an sich oder auch der Geburtenrate –  die Rede. Auch in dem aktuell viel diskutierten Buch <em>Der kommende Aufstand</em> einer Gruppe französischer Denker, die sich das Unsichtbare Komitee nennt, heißt es daher: „Unter welchem Blickwinkel man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ausweglos. […] Es besteht Einverständnis, dass alles nur noch schlimmer werden kann.“<br />
&nbsp;<br />
Unsere Kultur, unser Hier und Jetzt erscheint in diesem Gesellschaftsspiegel als ein katastrophisches Sein, das sich ob seiner fortschreitenden Schnelligkeit, ob seines immer größer werdenden sozialen Drucks stets als vom Einsturz bedroht erweist. Sigmund Freud behauptete schon 1940 in seinem <em>Abriss der Psychoanalyse</em>, dass nur der Barbar es angesichts dieses gesellschaftlichen Fortschreitens leicht habe, gesund zu bleiben, für den Kulturmensch hingegen sei dies eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Er scheint vielmehr an dem steten Aufruf nach Initiative, Flexibilität und Selbstverwirklichung kaputt zu gehen. Was der Mensch angesichts dieser Untergangsszenarien braucht, ist wohl ein Ort der Ruhe und der Erholung – ein Platz, an dem er bei sich sein und für sich Sorge tragen kann. Eine Stätte der Pflege und des Müßiggangs.<br />
&nbsp;<br />
Und damit scheinen wir wieder am Anfangsszenario angelangt zu sein – ein Garten, ein gutes Buch – hier wird offenbar die „Rückkehr der Gärten in die Stadt“ heraufbeschworen, wie es der Untertitel des jüngst erschienen Werkes <em>Urban Gardening</em> der Soziologin Christa Müller prognostiziert: Das so genannte „Urban Gardening<em>“</em> ist hier die Antwort auf die Beschleunigungsneurosen der Stadtbewohner, die zwischen Pflastersteinen und Hochhauswänden plötzlich Rettich, Salat und Blumen sprießen lassen und sich neben Schnecke und Grashüpfer entspannen können. Auch die Gesellschaftsbeobachtungen des „Unsichtbaren Komitees“ bezeugen eben jene grünen Orte, „die man den gestressten und entwurzelten Menschenmengen vorführt“, verurteilen sie aber „als eine Vergangenheit, die man schön inszeniert, jetzt, wo die Bauern auf so wenige reduziert sind“ und damit als ein reines „Marketing, das man über ein Territorium ausbreitet, wo alles aufgewertet oder als Kulturerbe dargestellt werden muss.“<br />
&nbsp;<br />
<div id="attachment_2308" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_02_s.jpg"><img src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_02_s.jpg" alt="" width="500" height="365" class="size-full wp-image-2308" /></a><p class="wp-caption-text">...ein Platz, an dem der Mensch bei sich sein und für sich Sorge tragen kann, Fotografie Fabian Zapatka</p></div><br />
&nbsp;<br />
Eine Sicht, die dieser urbanen Suche nach grüner Nachhaltigkeit einen faden Beigeschmack gibt. Denn die grassierenden Ökoerlebnisse, von Gartenlust über Landflucht, erscheinen im Licht dieser klaren Analyse wenig mehr als farbenfrohe Ornamentierung eines biologischen Lifestyles zu sein: Das „gewissenhafte“ und das konsum-orientierte Leben mal eben unter einen Hut gebracht, indem die schicke Designwohnung, am besten Altbau, nun mit Gemüsebeet auf dem Balkon oder vor dem Haus eine ganz neue Qualität bekommt. Der Gewinn erschließt sich neben verkümmerten Gurken und hartfleischigen Tomaten (denn seien wir ehrlich, wer hat schon die Zeit, sein Grün wirklich zu pflegen?), vor allem aus einer emotionalen Rendite. Alles ist hübsch und äußerst bekömmlich, aber nicht Zeichen eines neuen, dauerhaften Umweltbewusstseins, sondern einer neuen Ästhetik. Wie die Süddeutsche es kürzlich formulierte, erscheint Öko vor allem als „das neue Must-Have dieser Saison“. Die neue Welle an Idyllmagazinen wie <em>LandLust</em>, <em>LandIdee,</em> <em>Mein Schönes Land</em> oder auch <em>Hörzu Heimat</em> plakatieren eben jenen Ruf nach Dekoration.<br />
&nbsp;<br />
Stellt man sich angesichts dieser  Anzeigen die Frage, ob es „irgendetwas [gäbe], was weniger Tiefe hätte wie ein Blumenbeet, das in unseren Städten die Eingänge von Firmenhochhäusern ziert“ – oder eben die Fassaden unserer Mietwohnungen, so landet man schnell beim eigentlichen Kern des Gartenmodells und mit ihm bei einem kürzlich erschienenen Werk des Literaturprofessors Richard Harrison, dessen so einfacher Titel: <em>Gärten – ein Versuch über das Wesen des Menschen</em> einen nicht zu unterschätzenden Tiefgang verspricht. Taucht man in die Lektüre seines Werkes ein, fragt man sich schnell, wie man je anders gedacht haben könnte als <em>Hortus humanum est</em> – der Garten ist dem Menschen wesentlich.<br />
&nbsp;<br />
<div id="attachment_2310" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_04.jpg"><img src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_04.jpg" alt="" width="500" height="335" class="size-full wp-image-2310" /></a><p class="wp-caption-text">Müßiggang im Park Aleppo in Syrien, Fotografie Fabian Zapatka</p></div><br />
&nbsp;<br />
Denn in der abendländischen Kultur war der eigentliche Ort der Zuflucht vor Hektik und Tumult eben nicht das schnell implantierte Gemüsebeet, sondern immer schon der imaginäre Garten. Die Literatur ist es, die uns, so Harrison, das eigentliche Prinzip des Gartens und seiner Pflege näherbringt und damit auch den grundlegenden Fragen des Menschseins. Das Buch des Literaturprofessors ist dabei selbst wie kleiner Gartenstreifzug angelegt und weiß in einer bunten Vielfalt durch die Literatur- und Kulturgeschichte dieses Motivs zu führen: Anhaltspunkt ist ihm natürlich das Urmodell, der Garten Eden, doch weiß er dies auf ganze Neue und äußerst eingängige Weise auszuleuchten: Während einem Gros der Interpreten das Paradies als ein anzustrebendes Utopia, wie auch der gegenwärtigen Landlust inhärent, erscheint, lässt Harrison diesen Garten vielmehr als einen zu entgehenden Un-Ort erscheinen und behauptet sogar, dass unsere Gegenwart nichts weiter als eine Wiederholung eben jenes Schlaraffenlebens sei, „in dem alles spontan gegeben wird ohne Arbeit, Leiden oder Bewirtschaftung.“<br />
&nbsp;<br />
Denn wie Adam und Eva trödelten wir durch eine paradiesische Überfülle an Angeboten und gäben uns gleich unseren Urahnen damit einem unverantwortlichen, konsumistischen Dasein hin. Mit Blick auf die Schöpfungsgeschichte wissen wir, wohin dieser Weg nur führen kann: Adam und Eva machen schon bei der ersten Versuchung schlapp und landen in einem Sein voll Mühe, Plackerei und Arbeit. Sie mussten also fallen, da Gott ihnen im Paradies keine Fürsorglichkeit beigebracht habe und können erst mit ihrer neuen Aufgabe, die Erde zu bestellen, zu dem werden, was sie eigentlich sind: Human.<br />
&nbsp;<br />
Denn mit ihrer neuen <em>vita activa</em> gelängen sie zum Wesentlichen der menschlichen Kultur: dem Prinzip der Sorge. Der irdische Garten, der bestellt und gehegt werden muss, wird zum eigentlichen Symbol der Humanität. Die Pflege der Erde bzw. auf die Literatur gewendet: das Gartenmotiv wird damit zu einem besonders wertvollen Beitrag für die aktuell geführten Debatten um Wert und Funktion von Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Dauerhaftigkeit. Mit Harrison ist der Garten (in) der Literatur als ein Gegendiskurs zum kreischenden Treiben des medial inszenierten Ökotrips zu verstehen. Er betont, dass ohne ihn die gesamte Geschichte der Menschheit „die Geschichte eine[r] Wüste“ sei – womit er sowohl die geografische Landschaft als auch die gesellschaftlichen und emotionalen Gebiete des Menschen meint. Von Kontinent zu Kontinent und Epoche zu Epoche wird in Harrisons Werk das In-Eins-Gehen von Natur und Kultur, aber auch von Ethik und Ästhetik im Garten evident – und kann damit eben jene Brücke schlagen, die dem oberflächlichen Treiben der Öko-Styler verwehrt bleibt.<br />
&nbsp;<br />
In dem mythologisch-philosophischen Irrgarten seines Buches ist das Wesen des Menschen  nämlich nicht nur dem Erdboden vergleichbar, sondern selbst ein Erdreich. Der Mensch erscheint als eine humische, das heißt kultivierbare Substanz. Und hier ist es besonders die Sage um die Göttin Cura, die Harrison für den Motivkomplex von Fürsorge, Erde und Mensch auf bezaubernde Weise fruchtbar macht:<br />
&nbsp;<br />
Denn als einst Cura, zu deutsch „Sorge“, über einen Fluss geht und tonhaltiges Erdreich entdeckt, nimmt sie davon ein Stück, um es zu formen. Während sie noch darüber nachdenkt, was sie geschaffen hat, tritt Jupiter zu ihr. Diesen bittet Cura, dem eben geformten Ton doch etwas Geist zu verleihen, worauf der eitle Vater des Himmels seinen Besitzanspruch geltend machen will. Als die beiden sich nun um den Namen für dieses Wesen streiten, kann man sich unter dem strengen Blick des Mondes, nur auf „homo“ einigen, da das Ding ja aus „humus“ gemacht ist. Der Mensch als von Erde gemacht erscheint so wie der Garten eine kultivierbare Substanz zu sein. Und die menschliche Kultur offenbart dabei ihren Ursprung nicht nur in dem (Schöpfungs-)Garten, sondern auch in den (Schöpfungs-)Geschichten. Wen verwundert es da, dass schon Luther das Verhältnis zwischen Garten und Literatur erkennbar war: Er sah in der realen Erscheinung des hortus ein Buch Gottes, in dem man lesen und von den Dingen der Welt hören kann. Der Garten, das Erdreich sind auch ihm Sinnbild für zahlreiche kulturelle Aktivitäten, die ein Zusammenspiel von Lebensinhalt und -form und damit wieder für Ästhetik und Ethik in Szene setzen. Eine Überlegung, die den Garten in Philosophie wie Literatur stets zu einem Schaubild für die wesentlichen Zustände des Menschseins werden ließen.<br />
&nbsp;<br />
<div id="attachment_2311" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_01_s.jpg"><img src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Fabian-Zapatka_DARE_Garten_01_s.jpg" alt="" width="500" height="335" class="size-full wp-image-2311" /></a><p class="wp-caption-text">Der Garten als Schaubild für die wesentlichen Zustände des Menschseins, Fotografie Fabian Zapatka</p></div><br />
&nbsp;<br />
Mit Epikur und Horaz führt Harrison zwei Denker an, die aus eben jener Verknüpfung von Sein und Schein das Gartenleben als höchste Lebensform postulieren. Bei beiden sind die Stille und damit die Möglichkeit zur Ruhe, aber auch das Ins-Gespräch-Kommen Leitmotive des Gartens. Er erscheint hier besonders als ein soziales Phänomen, wie es auch für Harrisons Auslegungen des Gartenmotivs grundlegend ist, da „für den Boden gilt – dass man ihm mehr geben muss, als man ihm nimmt, das gilt auch für Nationen und Institutionen, für Ehe, Freundschaft, Erziehung.“ Während Epikur daher in seinen Gartenschulen am Rande der Stadt das hedonistische Leben als ein mit Geduld und Dankbarkeit verbundenes lehrt, erhebt sein Schüler Horaz mit seinem <em>Carpe Diem</em> besonders ein „Lebe im Verborgenem“ zu seiner Maxime. Erst über die Einsamkeit des Gartens könne man nämlich zu dem Wissen gelangen, „den Tag zu pflücken“, was angesichts der Todesgewissheit und den Sorgen des Lebens elementarstes Prinzip einer glücklichen Vita sei und dem hedonistischen Prinzip Epikurs sehr nahe kommt.<br />
&nbsp;<br />
In Gefolgschaft der großen griechischen Denker benennt Harrison damit vor allem die schöpferischen und friedlichen Potentiale des Menschen über das Gartenmotiv. Ein Jeder erscheint hier als „Pflanzer und Schenker“ denn als „Konsument und Empfänger“.<br />
&nbsp;<br />
Verfolgen wir diese Linien noch etwas weiter, lässt sich nicht nur das Buch im Garten oder der Garten in der Literatur aufsuchen, sondern gar das Schreiben und Lesen als eine „gärtnerische Tätigkeit“ entdecken. Besonders mit Foucault, der in seinem Vortrag über sog. „Heterotopien“ – also Orten, die „sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen“ – das Schrifttum der Anlage eines Gartens gleichsetzt: „Wenn man den Eindruck hat, Romane ließen sich leicht in Gärten ansiedeln,  so liegt das daran, dass der Roman zweifellos aus der Institution der Gärten entstanden ist“ – und der Garten damit die eigentlichen Heterotopie, also einen „Gegenraum“ liefert. Und wirklich: Betreten wir die Gärten der Literatur, so finden wir uns fast immer in den Randgebieten der Stadt und damit zumeist in den Gegenwelten zur Norm wieder. So zum Beispiel in dem Gartenroman schlechthin Boccaccios <em>Dekameron</em>, in dem auf dem Höhepunkt des Schwarzen Todes zehn junge Menschen Florenz verlassen und sich auf eine Villa mit einem prächtigen Garten zurückziehen, in dessen Rahmen sie sich ausgedehnten sexuellen Allegorien hingeben.<br />
&nbsp;<br />
<div id="attachment_2312" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Waterhouse_decameron.jpg"><img src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2011/11/Waterhouse_decameron-500x315.jpg" alt="" width="500" height="315" class="size-medium wp-image-2312" /></a><p class="wp-caption-text">Bild von dem Künstler John William Waterhouse, Decameron (1917), Fotograf unbekannt, gemeinfrei</p></div><br />
&nbsp;<br />
Hier treiben es dann sogar die Nonnen mit dem Gärtner. Doch reichen diese Heterotopien natürlich nicht nur an die Mauern Italiens oder, mit Epikur, Griechenlands, sondern vom <em>Gilgamesch-Epos</em> in Babylon über Miltons <em>Verlorenes Paradies</em> und Dantes <em>Paradiso</em> hin zu den bürgerlichen Gartenanlagen, wie unter anderem in Goethes <em>Wahlverwandtschaften</em> beschrieben. Der Garten steht als Nutzgarten und Parkanlage für Ordnung und Sicherheit ebenso wie er als paradiesisches Idyll oder Ort bedrohten (Liebes-) Glücks fungieren kann. Sowohl die Geschichte von <em>Romeo und Julia</em> läuft in Capulets Garten dramatisch zusammen als auch das Schicksal von <em>Tristan</em> <em>und Isolde,</em> die sich zum geheimen Schäferstündchen in den Gärten vor dem Schloss treffen. Dabei betrachten gleichfalls wenig romantisch angehauchte Dichter, wie der Aufklärer Christoph Martin Wieland, den Garten als „glückliche Insel, wo ernstes Denken oft mit leichtem Scherz sich gattet“, also die Zusammenkunft von Lust und Vernunft, Liebesschmerz und -erfüllung, aber auch Lebensanfang und -ende evozieren.<br />
&nbsp;<br />
Diese Vielfalt an Anknüpfungspunkten, die den Garten für die literarische Auseinandersetzung so fruchtbar macht, nimmt dieses Motiv offenbar aus seinem entzückendem Ansehen ebenso wie aus seiner harte Arbeit und Pflege erfordernden Natur. Es ist hier, wie der tschechische Schriftsteller Karel Čapek klar zu vermitteln weiß, „die Pflege des Erdbodens einerseits von der Verschiedenheit des Umgrabens, Umhackens, Umwendens, Eingrabens, Auflockerns, Einebnens, Glattmachens und Kräuselns“ abhängig – und damit wieder von der „von Sorge beherrschten Menschennatur“ (Harrison) – und andererseits, wenn diese Arbeit getan ist, der Ausblick auf den Garten zu einfachem Ausruhen und Erfreuen angetan: Hier sind es gerade die Lyriker, die die Schönheit des Gartens, sein Erscheinungsbild über ihr leichtes Wortspiel wiederzugeben wissen. Unter anderem Arno Holz betrachtet gespannt:<br />
&nbsp;<br />
<em>&#8220;Grüne, glitzernde,<br />
dicht verwachsene, wirr verhedderte,<br />
dickschwervollhängende<br />
Himbeer-,Stachelbeer- und Johannisbeer-<br />
Sträucher<br />
eine traute, kleine, schlichte,<br />
gräserumblanknickte, blumenumbuntstickte,<br />
heimelige, kuschelige Strohbude<br />
und prangende, prächtige, prunkende,<br />
mächtige, breitrundweitausladend trächtige,<br />
blänkerndem blinkernde<br />
Gottesfruchtbäume<br />
Mit Amarellen, Süßweichseln,<br />
Knopperkirschen,<br />
Herzkirschen und Glaskirschen.“</em><br />
&nbsp;<br />
Wohingegen andere Dichter den Garten ob seiner steten Unergründlichkeit – den Wurzeln und dem Gewürm, die diese glitzernde Flur untergraben – zu einem ambivalenten Gegenstand werden lassen, der nicht nur Schönheit und Leichtigkeit inszeniert, sondern auch das Geheimnis, das Morbide und das Hässliche. Es sind hier nicht die „blänkernde blinkernde“ Farbenpracht oder die Süße von „Amarellen, Süßweichseln“ und „Knopperkirschen“, sondern die auf Tragik und Abgrund verweisenden Schatten(-seiten) des Gartens, die unter anderem Georg Trakl in seinem gleichnamigen Gedicht heraufbeschwört:<br />
&nbsp;<br />
<em>&#8220;Da ich heut morgen im Garten saß<br />
Die Bäume standen in blauer Blüh,<br />
Voll Drosselruf und Tirili<br />
Sah ich meinen Schatten im Gras,<br />
Gewaltig verzerrt, ein wunderlich Tier,<br />
Das lag wie ein böser Traum vor mir.<br />
Und ich ging und zitterte sehr,<br />
Indes ein Brunnen ins Blaue sang<br />
Und purpurn eine Knospe sprang,<br />
Und das Tier ging nebenher.&#8221;</em><br />
&nbsp;<br />
Allen Autoren ist allerdings gemein, dass sie das Gartenmotiv, gleich den Ausführungen Harrisons, nicht nur als Bühne, sondern als wesentlich für ihre bzw. Wesen ihrer Gestaltungen erfassen. Sie loten neben dem schicken Äußeren stets auch seine neurotischen und moralischen Tiefgründe aus und zeigen ihn damit, analog zu den Heterotopien Foucaults, „als Gegenkraft zu den verderblichen Tendenzen“ (Harrison). Und dies nicht im Sinne eines leicht zu konsumierbaren Paradieses, das von den heiklen Zuständen ablenkt, sondern als fließender Übergang von Natur zur Kultur und damit als Aufruf zu Kultivierung und Erweiterung der Wahrnehmungshorizonte.<br />
&nbsp;<br />
Es scheint daher im Rahmen einer Nachhaltigkeitsdebatte sinnvoll, das anfangs antizipierte „Urban Gardening“ von seiner Oberfläche auf die Tiefen des Feldes der Literatur zu übertragen und, mit Harrison, „ihren gegliederten Rhythmus, ihre Seitenwege, ihre sich entfaltenden Perspektiven, ihre Verwicklungen und Überraschungen, ihre unheimlichen Abgründe, ihre wechselnden Erscheinungsweisen und ihre transitive Beziehung zur wirklichen Welt, die jenseits ihrer imaginären Grenzen liegt“, nachzuvollziehen.<br />
&nbsp;<br />
Denn nur so können wir uns von Buchrücken gestärkt gegen die zerstörerischen Kräfte der Gegenwart wenden und einen Blick aneignen, der sich nicht nur an der Fassade des Seins, sondern auch an seinen Untergründen erfreut. Die Lust am Garten der Literatur weiß eben jenes Streben nach Schönheit und Besinnung mit den Erfordernissen der Pflege und Reflexion zu vereinen und die anfangs beschworene Illustration: ein Garten, ein gutes Buch wird zum Appell, sich mehr um seinen inneren Garten zu kümmern, denn seinem Leben einen grünen Stempel aufzudrücken. Offenbar besteht sonst die Gefahr die heilenden Kräfte des Gartens nicht aufnehmen zu können und einen Zustand zu verfallen, den wiederum ein Gartenmotiv uns näherbringen kann. Im Irrgarten oder auch <em>Garten der Irren </em>(Georg Heym) zeigt sich die große Bedrohlichkeit, die von der Oberflächlichkeit des Gartens bzw. des Humanen ausgeht:<br />
&nbsp;<br />
<em>&#8220;Am roten Teiche stehen viele Schatten<br />
Bei dünnen Bäumen schwächlichem Gesichte,<br />
In Stille fort. Nur selten dass sich einer<br />
Herunter zu dem trüben Wasser bücket.<br />
Und manche gehen in den entleerten Hecken<br />
In kühlen Gängen, die schon voller Lichte,<br />
Und schleifen mit den Füßen in dem Laube,<br />
Und sitzen wieder sanft in den Verstecken.<br />
Der Strom ist weit hinab im blanken Scheine<br />
Bei Erlen und dem krumm gebornen Weiden<br />
Und wer mit leichtem Kalkül ihn überbrückt,<br />
Es wird im Licht die gelben Blumen pflücken.&#8221;</em><br />
&nbsp;<br />
Es gilt demnach: Pflücke den Tag, ernte ein gutes Buch und nicht „gelbe Blumen“, mit denen niemand etwas anzufangen weiß.<br />
&nbsp;
</p>
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		<title>kulturnews Award 2011</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Nov 2011 13:10:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>DARE Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildende Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Design & Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Theater & Bühne]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Der kulturnews-Award ist der Preis von Deutschlands Fachpublikum für die besten Produktionen des Jahres. Befragt werden Meinungsmacher und Führungskräfte aus den Kulturbranchen Theater, Literatur, Musik, Film und Kunst nach ihren Kulturhighlights des Jahres 2011.&#8221; Keine Ahnung, wie genau die Meinungsmacher und Führungskräfte die Auswahl- und die Ausschlusskriterien für die kulturnews-Liste anlegen, konsensfähig ist das Line-up [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>&#8220;Der kulturnews-Award ist der Preis von Deutschlands Fachpublikum für die besten Produktionen des Jahres. Befragt werden Meinungsmacher und Führungskräfte aus den Kulturbranchen Theater, Literatur, Musik, Film und Kunst nach ihren Kulturhighlights des Jahres 2011.&#8221; Keine Ahnung, wie genau die Meinungsmacher und Führungskräfte die Auswahl- und die Ausschlusskriterien für die kulturnews-Liste anlegen, konsensfähig ist das Line-up allemal.</p>
	<p><img class="alignnone" src="http://farm1.static.flickr.com/111/275333032_9fecd6be95.jpg" alt="" width="500" height="335" /></p>
	<p><span id="more-2273"></span>Abbildung: Felix Gonzales-Torres, Hamburger Bahnhof, Berlin. Installation shot by <a href="http://www.flickr.com/photos/johnnyvulkan/275333032/" target="_blank">flickr.com/photos/johnnyvulkan</a><br />
Da finden sich die üblichen Neo-Wave und New-Pop Vertreter (Kategorien &#8220;Beste Platte&#8221; und &#8220;Beste Tournee&#8221;), namhaftes Autorenkino (Kategorien &#8220;Bester Film&#8221; und &#8220;Beste DVD&#8221;), die Rocky Horror Show (&#8220;Bestes Entertainment&#8221;), die offenbar unvermeidlichen Schoßgebete (&#8220;Bestes Buch&#8221;) und Theatertreffen-Short-List-erprobte Bühnenproduktionen (&#8220;Bestes Theaterstück&#8221;).</p>
	<p>In die Liste der &#8220;Besten Ausstellungen&#8221; haben es geschafft: &#8220;Based in Berlin&#8221; (Atelierhaus Monbijoupark / Berlin), &#8220;Felix Gonzalez-Torres&#8221; (Museum für Moderne Kunst / Frankfurt), &#8220;Gerhard Richter&#8221; (Hamburger Kunsthalle &amp; Bucerius Kunst Forum / Hamburg), &#8220;Gesichter der Renaissance&#8221; (Bode-Museum / Berlin) und &#8220;The global Contemporary&#8221; (ZKM / Karlsruhe).</p>
	<p><a href="http://www.kulturnews.de/knde/award_voting_2011.php" target="_blank">Zum Online-Voting geht es hier.</a>
</p>
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		<title>Was fehlt</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Oct 2008 11:57:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>DARE Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Text: Anne Köhler Alles was fehlt Sie würde sich Mädchen nennen, aber Kinder sagen „die Frau“ zu ihr. Agatha malt zwei Punkte. Sie verbindet die beiden Punkte mit einem Strich. Ist doch ganz einfach, denkt sie. Wortfindung_ Sie ist in der Stadt unterwegs ohne Namen, damit keiner sie rufen kann und Antworten fordern oder Reaktionen. Die Detektivaugen, die sie aufgesetzt hat, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p><strong>Text: Anne Köhler</strong></p>
	<p><strong>Alles was fehlt</strong></p>
	<p>Sie würde sich Mädchen nennen, aber Kinder sagen „die Frau“ zu ihr. Agatha malt zwei Punkte. Sie verbindet die beiden Punkte mit einem Strich. Ist doch ganz einfach, denkt sie. Wortfindung_ Sie ist in der Stadt unterwegs ohne Namen, damit keiner sie rufen kann und Antworten fordern oder Reaktionen. Die Detektivaugen, die sie aufgesetzt hat, machen sie unsichtbar. Die Menschen in der Fußgängerzone sich alle verloren haben, stellt sie neue Familien zusammen: den Kindern neue Eltern und Großeltern, aber manche Gestalten läßt das Mädchen auch ganz allein, die haben keine Familie mehr, befindet sie und schaut diese Leute dann ganz traurig an. Zu viel ist vage und ungerecht, zu viele sind allein, denkt das Mädchen und lehnt sich gegen die Eisenstatue einer Frau. Die Statue würde erst bei plötzlichem Verschwinden bemerkt werden, so ist das oft, denkt das Mädchen, und: gut, daß mir nichts fehlt. Nur ein Name. Aber nicht, daß dann etwas anderes fehlt, wenn der Name erstmal da ist.</p>
	<p><span style="color: #ffffff;">&#8212;</span><br />
<a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2008/10/was-fehlt.jpg"><img class="alignnone size-medium wp-image-157" title="was-fehlt" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2008/10/was-fehlt.jpg" alt="" width="400" height="300" /></a><br />
<span style="color: #ffffff;">&#8212;</span></p>
	<p><span id="more-152"></span>WAS FEHLT INS DER BEZUG ZUR REALITÄT</p>
	<p>Zuhause ist es warm, sie zieht die Mütze ab und den Schal, die Handschuhe, stellt sich ans Fenster, plötzlich spürt sie, wie Tom in den Türrahmen tritt, sie bleibt so stehen, ohne sich umzudrehen, „Agatha?“, hört sie ihn flüstern und macht die Augen zu. Schöner Name, denkt sie. Agatha schaut aus dem Fenster. Tom würde sagen, daß es Hunde und Katzen regnet. Agatha hat eine lebhafte Phantasie, ist im dritten Stock und stellt sich das vor. Wie sie am Fenster vorbeisausen und auf den Asphalt aufschlagen, Siamkatzen, Yorkshire-Terrier, Pudeldamen, denkt schnell über Atome in der Nordstadt nach, über Staubkörner im Weltall. Um die Hunde und Katzen, die vom Himmel fallen, zu vergessen, bestellt Agatha sich ein singendes Telegramm. Verloren gehen_ Wenn Agatha zum Flughafen fährt, um die Flugzeuge und Menschen zu betrachten, nimmt sie ihren Paß mit. Für alle Fälle.</p>
	<p>WAS FEHLT IST ORDNUNG</p>
	<p>Agatha macht eine Strichliste, zählt die Menschen um sich herum und die Taschen und Hüte, mit Zahlen geht sie sorgfältig um, die müssen präzise sein, denkt sie, damit alles eine Ordnung hat. Zu viel ist in Unordnung, denkt Agatha.</p>
	<p>Aufräumen &#8211; Innen ist beim Aufwachen alles in Unordnung und Agatha wundert sich, daß der Zustand sich nicht auch nach Außerhalb verlagert hat, daß Decke und Boden in der Nacht nicht den Platz getauscht haben, sie jedenfalls kommt sich sehr vor wie kopfüber. Wie sie so durch die Stadt laufen soll fragt sie sich, mit all den vertauschten Gliedmaßen, die nach irgendwo abstehen und nicht mal wie ein Strichmännchen aussehen mögen. Heute ist sie ein Kopffüßler, wie die Kinder sie malen, die Beine wachsen aus dem Hals heraus, die Arme auch, der Rumpf ist verschwunden, die Lunge, die Rippen, das Herz. Alle Knochen gerade und aneinandergereiht, Beine wie Stelzen aus Holz und das Gewicht des Kopfes zu groß zum Tragen. Ob die Blutbahn so überhaupt noch funktionieren kann, wenn kein Organ zum Pumpen mehr da ist. In der Fußgängerzone scheint niemand etwas zu bemerken, nicht das Staksen der Füße und nicht das Rudern der Arme, um Gleichgewicht bemüht. Nur ein kleiner Junge sitzt auf einem Quadratwürfel aus Beton, seine rote Mütze sticht in den grauen Himmel und er verfolgt sie mit den Augen. Sie holt zwei Kugeln Eis und setzt sich auf den Würfel neben ihm, hält ihm die eine Eistüte hin, und er schaut sie an, weitet seine Augen aus, als könnten sie so mehr erfassen als die äußere Gestalt.</p>
	<p>„Es ist zu kalt für Eis“, sagt er, „es ist Winter, hast du das denn noch nicht bemerkt?“. Agatha ist froh, daß er du zu ihr sagt. „Aber ist es nicht gut, wenn es außen kalt ist und innen auch?“,fragt sie und beißt in die kalte Masse. „Jemand wie dich habe ich heute morgen gemalt“, meint er und greift in seinen Rucksack, holt ein Bild heraus, mit diesen Menschen ohne Körper, nur Arme und Beine und Köpfe. Es sind zwei, und sie halten sich an den Händen und die Münder lächeln breit und blau. „Warum haben sie blaue Münder?“ „Ihnen war kalt“, sagt er, „und sie haben Eis gegessen und da sind die Lippen blau gefroren“, sagt er und nimmt ihr die zweite Eistüte aus der Hand.</p>
	<p>WAS FEHLT SIND MENSCHEN, MANCHMAL</p>
	<p>Wenn noch kein Schnee liegt und der Himmel grau von oben drückt, ist es am schlimmsten. Weil keiner sagt, daß Agatha sich warm anziehen soll und die Mütze nicht vergessen. Dass sie sich die Haare fönen und eine Wärmflasche machen muß. Daß das Essen auf dem Herd steht. Manchmal schaut Agatha trotzdem nach.</p>
	<p>Viktor &#8211; Auf Agathas neuen Tassen sind Buchstaben drauf. Das A ist sie, und beim Morgenkaffee stellt sie auch das V mit auf den Tisch. Wie das wohl sein mag, wenn man morgens aufwacht und weiß, wer man ist und wo, wenn man schon zu sich gekommen ist und die Träume abgeschüttelt hat wie Viktor, fragt sich Agatha. Dann kann man gleich sprechen, über den Tagesablauf und was man vorhat und über Gott und die Welt und die Menschen und das Leben, und nur einmal kurz „du schläfst wohl noch“ in dem Redeschwall unterbringen. Wie das wohl sein mag, wenn man so sicher ist, was für einen selbst richtig ist und was falsch. Agatha kennt diese Kategorien nicht, sie teilt ein in „tut gut“ und „tut weh“ oder, im schlimmsten Fall, „ist mir egal“.</p>
	<p>WAS FEHLT IST EINER DER BLEIBT.</p>
	<p>Viktor spricht zu schnell, so schnell, daß gar keine Lücken da sind, nicht einmal nach den Fragen, die er stellt. Er spricht heute über die neueste Nahrungsforschung, sagt was von „five a day“ und bewegt sich zu schnell für Agathas Augen, verursacht nur tanzende Flecken, bunt auf dunklem Grund. Agatha überlegt zu schreien und schaut schnell aus dem Fenster. Viktor mag nicht, wenn sie da steht, „ich weiß nie, ob du nur rausschaust oder gleich runterspringst“, hat er mal gesagt. Aber Agatha neigt nicht zu den einfachen Lösungen.</p>
	<p>Als Tom fort ist, wird es still in Agatha. Fürs „Ich bleibe“, ist Agatha nie schnell genug gewesen, manchmal fehlt der Mut den Kopf hoch- und dem Blick standzuhalten, sie kann gut mit den Schultern zucken und sagen: „Nagut, ist jeder für sich allein, gut so.“</p>
	<p>Bleiben &#8211; Toms Namen hat sie schon vergessen. Aber sie könnte ihn überall hinstellen: sie weiß wie er aussieht im Schnee mit blaugefrorenen Lippen. Sie weiß, wie er mit Händen und Füßen zappelt, wenn er dann ins Warme kommt.</p>
	<p>Sie weiß, wie sich das Lachen abstuft und weiß, wie er schaut, wenn er meint: geh!</p>
	<p>Als er ehrlich „Geh!“ sagt, fängt sie zu lügen an, sie gräbt tief und schüttet Wasser rein und Wälle auf, stellt sich mit Betonschuhen auf den kleinen Berg und hört niemandem mehr zu. Und dann sind die Stimmen weg wenn Agatha sich wieder traut, aufzuschauen, dann wird es ruhig in ihr und still, weil wieder jemand fort ist, man braucht nur lange genug zu warten, damit einer geht, und die Angst mitnimmt und dann ist es still und ruhig und der Berg kommt Agatha höher vor und das Wasser tief, Toms Namen hat sie wirklich längst vergessen.</p>
	<p>WAS FEHLT IST EINE GEBRAUCHSANWEISUNG</p>
	<p>Weil Agatha heute mit nichts etwas anzufangen weiß, geht sie los und kauft sich ein neues Elektrogerät, liest die Gebrauchsanweisung und benutzt das Gerät den ganzen Tag nach Vorschrift. Schlafen_ Agatha wacht auf, erst mit einem Auge, dann mit dem anderen. Als sie beide gleichzeitig aufmacht, können sie sich nicht einigen, da zieht sie sich die Decke über den Kopf und bleibt den ganzen Tag im Bett.</p>
	<p>WAS FEHLT IST EIN GEGENMITTEL</p>
	<p>Fieber &#8211; Agatha hat nur eine einzige Schachtel mit Tabletten zu Hause, und die ist nicht einmal von ihr. Sie liest die Packungsbeilage. Unter den Nebenwirkungen stehen Dinge, die irgendwer erfunden hat, eine schwarze Haarzunge, anaphylaktischer Schock, Herzjagen, Sinnestäuschungen, Blutdruckabfall bis hin zu bedrohlichem Schock. Und es kann zu Geschmacksveränderungen kommen. Agatha schluckt zwei der Tabletten und kauft im Supermarkt ein Kilo Rosenkohl und Quarkkeulchen in der Bäckerei. Nur zur Sicherheit.</p>
	<p>WAS FEHLT IST EINE ERINNERUNGSENTSORGUNG</p>
	<p>Bausatz &#8211; Jede Sorge steckt Agatha fein säuberlich in eine Streichholzschachtel. Sie macht Luftlöcher hinein, damit sie nicht zu miefen anfangen. Eine einzelne Streichholzschachtel ist sehr klein. Agatha beschließt, das ist keine Stadt zum Bleiben, wo so viele Halluzinationen von diesem Jungen herumstehen, dessen Namen sie nicht mehr weiß.</p>
	<p>WAS FEHLT IST AGATHA SELBST</p>
	<p>Winken &#8211; Da stehen sie, die ganze Straße entlang, wie Wachposten, gelbe Wegmarkierungen, und erzählen. Gelbe Säcke, aufeinandergestapelt, manche sind am Zaun festgebunden und wie Holzscheite gestapelt, andere liegen durcheinander und halb geöffnet, zeigen die Fertiggerichtgewohnheiten und wie oft man den Pizzadienst gerufen hat und ob man überhaupt das Wort Mülltrennung kennt. Sie säumen Agathas Nachhauseweg, und sie schließt die Kellertür auf, um auch gelbe Säcke zum Stapeln herauszuholen, aber es steht nur ein einziger vor ihr, wie ein Vorwurf. Normalerweise würde sie jetzt warten, bis zur nächsten oder übernächsten Abholung, damit sie auch stapeln kann und festzurren, vielleicht sogar einen gelben Giganten bauen, eine Statue, so, wie sie das die letzten fünf Jahre gemacht hat. Aber jetzt will sie gehen und hat nur einen einzigen, nicht einmal genug für eine Kinderstatue, sie wird diese Stadt verlassen und ihr ist bei der letzten Gelegenheit das Material ausgegangen, das stelle man sich einmal vor. Agatha sammelt die fremden Säcke ein. „Ein letztes Mal“, sagt Agatha, und sie sammelt und schnürt und stapelt und baut, benutzt Panzerband und Leitern und macht Menschenpyramiden mit Passanten, hoch soll es werden, ein gelbes Monument, sie schichtet und formt und bastelt und klebt, immer höher, ein gelbes Monument, ein Denkmal, ein Abschied.</p>
	<p>WAS FEHLT IST EINE ANGEMESSENE ANKÜNDIGUNG</p>
	<p>Check in &#8211; „Ich bin jetzt weg!“, schreit sie und das ist sie dann auch. Agatha läuft durch die neue Stadt und sprüht Fragezeichen an die Mauern, dann erst schreibt sie ihren Namen an den Briefkasten. Agatha wartet wirklich auf eine Antwort.</p>
	<p><span style="color: #ffffff;">&#8212;</span></p>
	<p><span style="color: #ffffff;">&#8212;</span></p>
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		<title>Mit dem Kanon auf Spatzen schiessen</title>
		<link>http://blog.daremag.de/2008/10/literatur/</link>
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		<pubDate>Tue, 07 Oct 2008 10:00:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>DARE Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Text: Christopher Worm Jo Strobo! Mann, Mann, Mann, &#8216;nen schlechteren Start für mein neues Leben hätte sich das Schicksal kaum erdenken können. Bin zwar endlich den Wirren der Großstadt entkommen, aber die von mir so dringend erhoffte Ruhe kann ich auch hier nicht finden. Von meinem Unfall beim Wüstenrennen immer noch nicht genesen, bin ich nach wie vor an meinen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p><strong>Text: Christopher Worm</strong></p>
	<p><strong>Jo Strobo!</strong></p>
	<p>Mann, Mann, Mann, &#8216;nen schlechteren Start für mein neues Leben hätte sich das Schicksal kaum erdenken können. Bin zwar endlich den Wirren der Großstadt entkommen, aber die von mir so dringend erhoffte Ruhe kann ich auch hier nicht finden. Von meinem Unfall beim Wüstenrennen immer noch nicht genesen, bin ich nach wie vor an meinen klapprigen Einachser gebunden und kann mich nur sehr mühselig fortbewegen. Ablenkung hab ich kaum! Meine Zwanghaftigkeit zur Systematisierung dürfte dir ja noch aus unserer gemeinsamen Studienzeit in Erinnerung sein. So habe ich vor meinem Umzug meine gesamte Einrichtung alphabetisch sortiert und aus Solidarität eines im Alphabetsehrweit- hintenstehenden bislang nur die Buchstaben V-Z mitnehmen können. Sehr ertraglose Buchstaben, wenn man meine Situation in Betracht zieht: Ein Haufen Wörterbücher und so nutzlose Dinge wie die Zitruspresse, zwar wäre da noch mein alter Videorecorder und ein paar dazugehörige (VH-S) Kassetten, aber ohne Fernseher&#8230;</p>
	<p><span id="more-141"></span>Gefangen in diesem Dilemma gucke ich aus dem Fenster und lasse die neuerworbene Idylle auf mich wirken – wie gerne würde ich aufspringen und die vielfältige Natur dieser Region, die man mir so warm empfohlen, erkunden oder wenigstens den Nachbarn in der Küche beim Streiten zugucken, aber die gibt es hier nicht. So bleibt mir nur Geduld und der Blick in den kargen Hof meines kleinen Anwesens.</p>
	<p>Doch schneller als erhofft wird die Stille durchbrochen – scheinbar aus dem Nichts treten drei einheitlich bunte Kleinwagen mit quietschenden Reifen auf die Bildfläche. Fünf Männer steigen aus, von denen ich fest überzeugt bin, sie aus dem O2 &#8211; Shop in den schwach frequentierten Harburg-Arkaden zu kennen, und bilden einen okkultistisch anmutenden Kreis. Aus ihrer Mitte vernehme ich ein panisches Quieken. Sie haben eine Sau durch spezielle Wischtechnik mit Tarnfarben überzogen und attackieren sie mit ihrem gesamten Büro-Equipment. Ich sehe, wie einer dem Tier den Ringelschwanz ans linke Hinterbein tackert. Ein anderer hackt ihm mit seinem Brieföffner beide Augen aus. Wieder ein anderer stempelt dem Opfer scheinbar wahllos Nullen und Einsen auf den Rücken.</p>
	<p>„Lasst die arme Sau doch in Ruhe, ihr Schweinepriester!!!“, rufe ich durch das geöffnete Fenster. Doch sie zeigen keine Reaktion. Was tun in meinem jammerhaften Zustand ? Kein Telefon, keine Schusswaffen, noch nicht mal eine Kamera, um das ganze für Beweiszwecke festzuhalten. Nur eine Zitruspresse, Wörterbücher und ein paar Videos. Na gut, warum eigentlich nicht, denke ich mir, wenn die Industrie sich schon mal die Mühe macht, unsere Medien zu digitalisieren, kann ich auch ruhig dazu beitragen, den analogen Überbleibseln einen neuen Nutzen zu geben! Mit verkniffenem Charles-Bronson-Blick pfeffere ich dem ersten eine Kassette direkt zwischen Ober- und Unterkiefer, also in den Mund! Er spuckt sie aus und macht unbeeindruckt weiter. „Schleudert die Purschen zu Poden“, fordere ich lauthals und lasse meine Monty-Python-Sammlung auf sie niederprasseln – die Kassetten zerschellen an ihren Köpfen – sie zeigen keinerlei Regung. „Righty-Right-Brüder, seid ihr bereit für ein bisschen Ultrabrutale?!“, schreie ich und halte den Flegeln werfend einen Spiegel vor, versuche ihrem sadistischen Hedonismus ein Ende zu setzen. Aber auch diese Salve geht vollkommen daneben. Sie lachen verächtlich und legen sich nur noch mehr ins Zeug. Jetzt werde ich sauer, wollte ich bis dato die Peiniger nur vertreiben, erwacht in mir nun der Killerinstinkt: Ich nehme den Videorecorder, schleudere ihn in den satanischen Mob und treffe&#8230; das Schwein.</p>
	<p>So wirkungslos, wie meine vorherigen Attacken waren, um so vernichtender war diese. Ich hatte das Tier doch tatsächlich mit einem Wurf enthauptet. Höhnisch grinsend verschwinden sie wieder in ihre Autos und lassen Kopf und Rumpf der Sau zurück&#8230;</p>
	<p>Am nächsten Morgen sehe ich, wie jemand aus der Dorfgemeinde „Schweinemörder“ mit dem Blut des grausam verstümmelten Kadavers an meine Frontwand geschrieben hat. Ich stehe vollkommen alleine da, verstoßen – noch bevor ich aufgenommen wurde. Ich hätte es wissen müssen, mit gewissen Medien lässt sich einfach keine Moral transportieren. Wenn ich jetzt neue Videos kaufe, frag ich lieber noch mal die Süddeutsche, und die Kartons kann dann auch gleich ProSieben packen und alphabetisch ordnen, meinetwegen auch nach Jahrzehnten, ich selber aber bin unfähig, total unfähig&#8230;</p>
	<p>Komm mich doch mal besuchen, dann trinken wir ‘nen schönen Whisky zusammen&#8230;</p>
	<p><strong>Dein Jeff, äh, ich meine Raf</strong></p>
	<p><span style="color: #ffffff;">&#8212;</span></p>
	<p><span style="color: #ffffff;">&#8212;</span></p>
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