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DARE Editorials


DARE #7


 

Inhalte der Ausgabe

  • Soda_Jerk – Christiane Opitz
  • Aernout Mik – Sabine Maria Schmidt
  • Ganz Ohne Ironie – Felix Maschewski
  • Aleksandra Domanovic – Isa Maschewski
  • Der Lombardi Code – Frank Steinhofer
  • Welt Welt: Fighting Piranhas – Marcello D’Altilia
  • Cyprien Gaillard – Nicole Büsing & Heiko Klaas
  • Die Tränen des Palikaren.
    Oder: Die Trauer um die Wahrheit – Leonhard Fuest
  • Danh Vo – Scott Cameron Weaver
  • Skepsis & Applaus – Olaf Bargheer und Felix Maschewski
  • Stefan Mildenberger – Philipp Fürnkäs
  • Die Peinliche Befragung – Ulf Pape
  • Harun Farocki – Isabella Moffat
  • Kunst, Literatur & Überdies – Nicole Büsing & Heiko Klaas
  • Anstelle eines Nachrufs – Mathias Zintler

Skepsis & Applaus

Zögern, Zaudern, Zweifeln – dem Dreiklang haftet etwas zutiefst Negatives an. Dieser skeptische Hang abzuwarten, Vorsicht walten zu lassen, etwas gedanklich abzuschreiten anstatt uneingeschränkt zuzustimmen, trifft immer mehr unsere gesellschaftliche Ablehnung, die sich zusehends pragmatisch im Fluchtpunkt eines Common Sense ausrichtet.
 
So gesehen ähneln viele Diskussionen um die Rolle von Kunst und Kultur dem alten Streit zwischen Nominalismus und Skeptizismus: Die Berlin Biennale fragt nach dem Politischen, Starkurator Nicolas Bourriaud streitet mit Philosoph Jacques Rancière, ob relationale Ästhetik die Wirkung der Kunst prägt oder doch eher der museale Raum, und Prestigeprojekte und Ausstellungen buhlen im chinesischen und dem arabischen Diskursraum um eine aufklärende Wirkung der Kunst nach westlichem Maßstab.
 
Aus aktuellem Anlass werfen wir mit dieser Ausgabe von DARE daher die Frage nach der Kompetenz von Skepsis auf. Wir leben in einer postmodernen Beliebigkeit und wandeln in normativer Haltlosigkeit. Wir sind Inszenierungen von Politik, Wirtschaft und Werbung ausgesetzt. Der Slogan „Don’t be a maybe“ strahlt uns von Plakatwänden entgegen und will uns dazu bringen weniger abzuwägen – wenn wir die Zigarette einfach anzünden macht das Leben dreimal so viel Spaß. Die kontemporären Modi der Erzählung sind die Katastrophe und das Spektakel, denen wir scheinbar nichts entgegenzusetzen haben als eine Neigung zu Verdrängung, Amüsement oder den von müheloser Zwanglosigkeit geprägten Gestus: „Das berührt uns nicht“.
 
Aber der Skeptiker ist berührt von dieser Welt und widersetzt sich ruinösen Zustimmungen und Versprechen. „Skepsis ist das kleine Nein zum großen Ja“, wie es der Philosoph Ode Marquard beschreibt, da der Skeptiker den Glauben an eine bessere Antwort, ja eine bessere, gerechtere Zukunft noch nicht aufgegeben hat. Applaus dagegen ist eine sinnliche Form der Zustimmung, ein Akt der Affirmation, der von Respekt und Hingabe zeugt.
 
Das vorliegende Heft ermisst die Synthese von Skepsis und Zustimmung: Mit Menschen, an denen das Leben nicht lässig vorbeigeht. Und Kunst, die uns den Zweifel als notwendigen Bestandteil der reflektierten Wahrnehmung wieder sichtbar macht: Aernout Mik lotet die beunruhigende Verfasstheit unserer Gesellschaft aus und findet sich nicht mit herkömmlichen Wirkungsweisen von Medien und Kunst ab. Danh Võs Arbeiten verknüpfen die individuelle Erfahrungsdimension mit Weltpolitik. Mark Lombardi erfindet in seinen Zeichnungen ein Narrativ, das die einseitige Geschichtsschreibung exklusiver Machteliten in Frage stellt. In einem Essay zur Theorie der „willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit“ beleuchten wir den Zugang zu künstlerischen Werken. Weitere Porträts, wie das der Nachwuchskünstlerin Aleksandra Domanović und des Filmemachers Harun Farocki, ein Comic in dem Schmetterlinge Säure spucken, Pilze mit Napalm angreifen und sich gerade hinter den harmlosesten Dingen die größten Gefahren verbergen, ein Fragebogen zur Selbstbestimmung, Aphorismen zur Wahrheit und ein großes Interview mit Trendforscher Peter Wippermann und Autorin Katja Kullmann ringen um das Thema.
 
Sinnliches Vergnügen des Einlassens verbinden wir mit einer Skepsis, auf welche uns erlaubt ist zu antworten: „Versuchen wir’s!“