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	<title>DARE &#187; Angela Richter</title>
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	<description>Magazin für Kunst und überdies</description>
	<lastBuildDate>Thu, 22 Dec 2011 13:08:51 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Reportage, Installation, Medienverschnitt, Entertainment &#8211; Vermag das Theater noch Impulse zu geben?</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Sep 2010 08:10:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Olaf Bargheer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ehrungen sind eigentlich ein ganz und gar unpassender Rahmen für das Lostreten einer kritischen Diskussion. Eine Preisverleihung an die große Schauspielerin Jutta Lampe geriet im Mai 2010 zum Anlass für eine leidenschaftlich geführte Generaldebatte um die Qualität und Bedeutung der heutigen Theaterlandschaft. Der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß, der zu Beginn der 70er Jahre unter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Ehrungen sind eigentlich ein ganz und gar unpassender Rahmen für das Lostreten einer kritischen Diskussion. Eine Preisverleihung an die große Schauspielerin Jutta Lampe geriet im Mai 2010 zum Anlass für eine leidenschaftlich geführte Generaldebatte um die Qualität und Bedeutung der heutigen Theaterlandschaft.</p>
	<p>Der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß, der zu Beginn der 70er Jahre unter Peter Stein an der <a href="http://www.schaubuehne.de/">Berliner Schaubühne</a> dramaturgische Meriten erwarb, veröffentlichte seine <a href="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=common/zwischenseite.asp&amp;dox={A9B882AE-43F7-BB8C-C3A7-8DFDDF5FE10E}&amp;rub={BE163169-B432-4E24-BA92-AAEB5BDEF0DA}">Laudatio an Jutta Lampe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung</a> vom 17.05.2010. Der Text liest sich über einige Strecken als Laudatio, die meisten anderen Passagen, die Botho Strauß als eine Art Beweisführung für die Qualität der Schauspielerin dienen, lesen sich als generelle Abrechnung mit dem heutigen Theater.</p>
	<p><img class="alignnone" src="http://farm5.static.flickr.com/4086/5004250332_805dbb264a_b.jpg" alt="" width="500" /></p>
	<p><span id="more-1364"></span><span style="text-decoration: underline;">Abbildung: Berliner Schaubühne. Inszenierung von Molières &#8220;Der Menschenfeind&#8221; in der Regie von Ivo van Hove</span></p>
	<p>&#8220;Das Theater&#8221;, schreibt er, habe sich zum &#8220;Reservat für unantastbare Dummheit und Bildungsferne&#8221; ausgerufen und gebe, &#8220;anders als Film, bildende Kunst, Epik keinerlei Impulse an die Zeit mehr ab&#8221;. &#8220;Es verleugnet sich zugunsten der Reportage, der Installation, der billigen Kunstmarktkopie, des Entertainments, des Medienverschnitts. Es gibt keine Kunstform, die auf so fremdbestimmte Weise der Affe der Zeit wäre&#8221;.</p>
	<p><img class="alignnone" src="http://www.nzz.ch/images/gross_und_klein_1.3936645.1257947040.jpg" alt="" width="500" /></p>
	<p><span style="text-decoration: underline;">Abbildung: Botho Strauss war 34, als Peter Stein 1978 in Berlin «Gross und klein» inszenierte. Credits: Deutsches Theatermuseum / Archiv Ilse Buhs</span></p>
	<p>Zweifellos adressiert und angesprochen fühlte sich der jetzige <a href="http://www.schaubuehne.de/de_DE/house/profile/">künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier</a>. &#8220;Warum diese Feindschaft?&#8221; fragt er neun Tage später in der Süddeutschen Zeitung. &#8220;Warum hat dann diese Hochperiode (von der Botho Strauß im Rückblick schrieb) in der direkten Generationenfolge, also in der Generation der Söhne, keine maßgeblichen Regisseure hervorgebracht? Wo sind die ehemaligen Assistenten von Peter Stein, Luc Bondy, Peter Zadek, die die Theaterlandschaft geprägt haben?&#8221; Thomas Ostermeiers drastische Einschätzung: Sie wurden &#8220;weggebissen&#8221;.</p>
	<p>Und dass es die Regisseure der &#8220;seligen Zeiten vor dem Mauerfall&#8221;, als es klare gesellschaftspolitische Grenzziehungen und Konflikte gab, einfacher hatten, ist eine pauschale Einschätzung, die er gelten lässt: &#8220;Selig, weil (es) einem natürlich das Gefühl gab, wichtig zu sein und eine gesellschaftliche Wirkung zu haben.&#8221;</p>
	<p>Wo sieht er uns heute? &#8220;Gewissheiten und klare Feindbilder abhanden gekommen. Deswegen sind die ästhetischn und gesellschaftlichen Positionen in unserer Theaterlandschaft so unterschiedlich und ausdifferenziert. Das was Botho Strauß als Moden bezeichnet, sind lediglich unterschiedliche Suchbewegungen, um in dieser unsicher gewordenen Welt Positionen zu finden.&#8221;</p>
	<p>Das Spektrum reiche dabei von &#8220;Pollesch, Mayenburg, Richter und Schimmelpfennig, von Lösch und Rimini Protokoll bis zu Thalheimer, Stemann, Schlingensief und Petras&#8221;. &#8220;Wir leben in einer Zeit, in der meines Erachtens an so vielen Theatern in unterschiedlichster Art und Weise künstlerisch gearbeitet und experimentiert wird, sodass man sich fragt, wie diese Theaterlandschaft trotz des gebetsmühlenartig wiederkehrenden Krisengeredes so üppig sein kann.&#8221;</p>
	<p><img class="alignnone" src="http://farm4.static.flickr.com/3374/4631946756_7bcfe0ea7a_b.jpg" alt="" width="500" /></p>
	<p><span style="text-decoration: underline;">Abbildung: Thomas Ostermeier während des Theatertreffens am 22.05.2010 in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Credits: <a href="http://www.theatertreffen-blog.de/tt10/allgemeines/privat-14/">Mary Scherpe</a></span></p>
	<p>Hintergründe auf <a href="http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=4376&amp;catid=242&amp;Itemid=115">Nachtkritik</a> und in einem <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1185808/">Deutschlandradio-Interview mit Ulrich Khuon</a>, Intendant des Deutschen Theater in Berlin und zuvor des Thalia Theater in Hamburg.</p>
	<p>Dieser Beitrag funktioniert auch als Kick-off oder Hors d&#8217;Oeuvre für das am 21.10.2010 erscheindende 5. DARE Magazin. Darin wird es eine Gesprächsdokumentation zwischen dem Regisseur Luk Perceval und den Dramaturgen Jochen Strauch und Tarun Kade geben &#8211; zu den Schwerpunktthemen des Magazins: Informationslogistik, Medienkompetenz, Multitasking, Phantom Vibration Syndrome.
</p>
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		<title>Wiederaufnahme &#8220;Der Fall Esra&#8221; am Berliner Hebbel am Ufer</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Mar 2010 08:46:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>DARE Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im September vergangenen Jahres interviewte die DARE Redaktion die Regisseurin Angela Richter und den Dramaturgen Andras Siebold zur Umsetzung ihres Stückes &#8220;Der Fall Esra &#8211; Rezeptionsdrama eines Romanes&#8221;. Ihre Bühnenfassung der Prozesse um das Verbot von Maxim Billers Roman &#8220;Esra&#8221; hatte im April 2009 Premiere in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel. Ein Jahr später steht &#8220;Der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Im September vergangenen Jahres interviewte die DARE Redaktion die Regisseurin Angela Richter und den Dramaturgen Andras Siebold zur Umsetzung ihres Stückes &#8220;Der Fall Esra &#8211; Rezeptionsdrama eines Romanes&#8221;. Ihre Bühnenfassung der Prozesse um das Verbot von Maxim Billers Roman &#8220;Esra&#8221; hatte im April 2009 Premiere in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel. Ein Jahr später steht &#8220;Der Fall Esra&#8221; noch einmal auf dem <a href="http://www.hebbel-am-ufer.de/de/kuenstler/kuenstler_17262.html?HAU=3">Spielplan</a>: Angela Richter und ihr Team inszenieren im März 2010 am Berliner <a href="http://www.hebbel-am-ufer.de/de/kuenstler/kuenstler_17262.html?HAU=3">Hebbel am Ufer</a>. Wer &#8211; nach der Lektüre unserer <a href="http://blog.daremag.de/2009/11/der-fall-esra/">Gesprächsdokumentation</a> im DARE Magazin &#8220;Ikonen&#8221; &#8211; das Stück unbedingt sehen wollte, hat nun die Möglichkeit. Unsere Redaktion freut sich auf den Besuch der Aufführung am Samstag 13.03.2010.</p>
	<p><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Udo_Rauer_1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-777" title="Esra_Udo_Rauer_#1" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Udo_Rauer_1.jpg" alt="" width="500" height="333" /></a></p>
	<p><span id="more-874"></span><span style="text-decoration: underline;">Der Fall Esra &#8211; Rezeptionsdrama eines Romanes</span></p>
	<p>12.03.2010 / 20.00 Uhr / HAU3<br />
13.03.2010 / 20.00 Uhr / HAU3<br />
14.03.2010 / 20.00 Uhr / HAU3</p>
	<p>Am 12. Oktober 2007 erklärte das Bundesverfassungsgericht endgültig, dass Maxim Billers Roman ESRA wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten durch den Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch nicht verbreitet und veröffentlicht werden darf: Das Ende eines Romans, der in den Händen von Richtern, Journalisten und anderen Interessierten zu einem Polit- und Boulevardstück geworden ist. Das Verhältnis von Fiktion und Realität wird unscharf, und der Roman über die tragische Romanze zwischen einem jüdischen Schriftsteller und einer türkischstämmigen Frau in Deutschland wird als zu real empfunden. Ein Roman, über den die FAZ schrieb: „Ein so von Liebesschmerz, Liebesglück und allgemeinen Liebeswirren durchdrungenes und dabei kompromisslos modernes, ja in der Zeitgenossenschaft seiner Sprache radikales Buch hat es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gegeben.“ Angela Richter inszeniert ein Stück über die Ereignisse, Prozesse, Diskussionen und vielfältigen Kommentare, die den Roman begleitet haben. Ein Stück über die Ehrlichkeit der Kunst, die Verlogenheit des Wirklichen und die Verwandlung von Literatur in Gossip.</p>
	<p>Karten online über tickets@hebbel-am-ufer.de oder am Kartentelefon 030 &#8211; 25900427</p>
	<p>Hebbel am Ufer &#8211; HAU 3<br />
Tempelhofer Ufer 10<br />
10963 Berlin</p>
	<p><a href="http://www.hebbel-am-ufer.de">www.hebbel-am-ufer.de</a>
</p>
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		<title>Wir können die Wahrheit mit Worten nur umstellen &#8211; Der Fall Esra &#8211; Rezeptionsdrama eines Romans</title>
		<link>http://blog.daremag.de/2009/11/der-fall-esra/</link>
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		<pubDate>Mon, 02 Nov 2009 15:24:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Olaf Bargheer</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ein halbes Jahr nach der Erstinszenierung in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel und ein halbes Jahr vor der Wiederaufnahme am Berliner HAU rekapitulieren wir mit Angela Richter (Regie) und Andras Siebold (Dramaturgie) den „Fall Esra“. Angela Richter entwickelte das Stück ein Jahr nach dem endgültigen Erscheinungsverbot von Maxim Billers Roman „Esra“ (2003), in dem der heute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[	<p>Ein halbes Jahr nach der Erstinszenierung in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel und ein halbes Jahr vor der Wiederaufnahme am Berliner HAU rekapitulieren wir mit Angela Richter (Regie) und Andras Siebold (Dramaturgie) den „Fall Esra“. Angela Richter entwickelte das Stück ein Jahr nach dem endgültigen Erscheinungsverbot von Maxim Billers Roman „Esra“ (2003), in dem der heute in Berlin lebende Schriftsteller laut endgültigem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Oktober 2007 die Persönlichkeitsrechte seiner Exfreundin und ihrer Mutter verletzte. Für die an allen Stellen juristisch heikle Inszenierung des Stoffes konsultierten die Theatermacher eine Hamburger Kanzlei. Kaum ein Schritt in der dramaturgischen Konzeption des Stückes fand ohne vorab klärende Rücksprachen mit den juristischen Beratern statt. Für das Gespräch erschien es daher nur folgerichtig, ein erneutes Zusammenkommen im Reinraum des Konferenzzimmers ebendieser Kanzlei zu arrangieren. Mit Diktiergeräten, Bahlsen-Mischung und nullzweier San Pellegrino-Flaschen.</p>
	<p><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/DARE_Esra_1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-769" title="DARE_Esra_#1" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/DARE_Esra_1.jpg" alt="DARE_Esra_#1" width="500" height="334" /></a></p>
	<p><span id="more-757"></span></p>
	<p><em>Dass Angela Richters „Fall Esra“ allein schon aus juristischen Gründen eben keine reine Bühnenadaption des Romans „Esra“ darstellt, sollte dieser Gesprächsdokumentation vorangestellt sein. Das Feuilleton attestierte dem Stück, „nicht weniger als die Rettung der Kunst vor der planierraupenhaften Plattmachungskraft der Gossips“ zu sein. Der Inszenierung zugrunde lägen „die einsam-heiklen Fiktionsspiele mit der wirklichen Erinnerung, die zu den Bedingungen der Produktion von Kunst und Literatur gehören“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Sicher ist, dass Angela Richter mit dem „Fall Esra“ die diskursive Kraft des Theaters gezeigt hat, mit Bildern und Inszenierungen dort anzusetzen, wo faktische Erzähl- und Interpretationsweisen ins Stocken geraten sind.</em></p>
	<p><em>Interview: Benjamin Fellmann und Olaf Bargheer<br />
Dokumentation: Olaf Bargheer</em></p>
	<p><strong>Andras Siebold: </strong>Die Möglichkeit, dass der „Fall Esra“ überhaupt auf Kampnagel realisiert werden konnte ergab sich über einen Umweg : Das Projekt wurde von uns relativ lange vorbereitet, aber von der Stadt Hamburg nicht gefördert. Die Jury, die über die Vergabe von Projektgeldern entscheidet, votierte im ersten Jahr gegen den „Fall Esra“. Als wir im Folgejahr erneut ein Stück auf Grundlage eines Maxim Biller Textes eingereicht hatten und die Förderung bewilligt wurde, tauschten wir sozusagen um und machten uns an die Inszenierung des „Falles Esra“. Danach musste alles sehr schnell gehen: Wir hatten kaum mehr als sechs Wochen bis zur Premiere. Und es gab noch keine Besetzung, kein Bühnenbild, nur ein erstes, rasch gemachtes Grundkonzept.</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Bei der dann ansetzenden Arbeit am Text hatte ich zunächst das Gefühl, ich kolportiere „wild“ das, was sich jeder herbei googlen könnte. In mir entstand ein großer Widerstand, immerhin bin ich als Theatermacherin gar nicht in der Lage, die juristischen und literaturwissenschaftlichen Sachverhalte vollständig wiederzugeben. Ich wusste: Für die ganze Sache ist etwas unerlässlich, was ich eigentlich gar nicht kann. Während der Vorbereitungen sammelten sich Ordner voller Texte, die im Stück schließlich gar keine Verwendung fanden. Es brachte ein ganz merkwürdiges Gefühl mit sich, all das angesammelte Faktenmaterial nicht mit einfließen zu lassen. Schließlich passierte aber einige Tage vor dem Ende der Proben das, was ich schon von mir kenne : Es stellt sich mit einem Mal ein automatisierter Zustand ein, eine Art „Flow“, und in kürzester Zeit weiß ich dann, wie sich alles zusammen fügt.</p>
	<p><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Udo_Rauer_1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-777" title="Esra_Udo_Rauer_#1" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Udo_Rauer_1.jpg" alt="Esra_Udo_Rauer_#1" width="500" height="333" /></a></p>
	<p><strong>DARE: </strong>Inwiefern ergab sich dieses dramaturgisch schlüssige Bild im Abwenden vom gesammelten Faktenmaterial?</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Andras stieß zu dem Zeitpunkt dazu, an dem ich mich in der Zusammenarbeit mit den Schauspielern gewissermaßen bewusst verlaufen hatte. Wir hatten eine Durchlaufprobe, die eher eine &#8220;Durchstolperprobe&#8221; war, wenige Tage vor der Premiere, nach der Andras sagte: „Angela, ganz ehrlich, jetzt weiß bald kein Zuschauer mehr Bescheid, wo ihr steckt. Die Geschichte ist euch völlig abhanden gekommen“. Er konnte das mit dem Blick dessen sagen, der aus der Distanz auf den inszenierten Text schaut. Die Sache ließ sich in der gemeinsamen Arbeit zum Glück recht schnell regulieren und in eine stringente Bahn lenken. Wir entwickelten einige zusätzliche Textbausteine; Sebastian Blomberg und Dietrich Kuhlbrodt mussten sie, einmal in Händen, kaum einstudieren, weil sie von der Materie schon so stark aufgeladen waren, ihre Rollen verinnerlicht hatten. Beide haben die neu hinzugekommenen Facts von verschiedenen Positionen aus erzählt, verzogen die Berichte aber gleichzeitig auf eine bald ungerechte Weise, weil sie in dem Moment, in dem ihre Berichte sachliche Glaubwürdigkeit entwickelten, in eine beinahe unseriöse Sprechhaltung verfielen. Auf diese Weise blieb man als Zuschauer letztlich unschlüssig und hatte keine Antwort auf die Frage: Hat das jetzt gestimmt, oder wurde hier bloß kolportiert?</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Ich glaube an den mündigen Zuschauer. Es geht sicherlich nicht darum, im Stück permanent Verwirrung zu stiften. Ich weiß, dass die Zuschauer, jenseits der Irritationen, die auf der emotionalen Ebene stattgefunden haben, die Strukturen des Stückes verstanden haben.</p>
	<p><strong>DARE:</strong> Es geht beim „Fall Esra“, auch bei den vielen Vorgesprächen, die ihr hier in der Kanzlei geführt habt, nicht darum, Verwirrung zu stiften, sondern im Gegenteil eine Diskussion zu eröffnen &#8211; ganz offensichtlich an einem Punkt, an dem eine Diskussion de facto abgebrochen war. Egal wie man das im Einzelnen bewertet: Die Diskussion um den Roman „Esra“ war ja an einem Punkt des Stillstandes angelangt, weil das Buch nach der Prüfung durch die letzte gerichtliche Instanz nicht weiter veröffentlicht werden konnte. Es ging bei der Entwicklung des Stückes also grundsätzlich darum, eine andere Bühne zu schaffen?</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Eine Aufgabe, die sich als wahnsinnig kompliziert erwiesen hat. Ich hatte das Gefühl, egal in welche Richtung ich gehe, überall tut sich eine neue Falle auf. Ich drohe ins Bodenlose zu stürzen, meine eigene Situationsgier bei der Recherche wird zu einer wirklich schlimmen Falle. Erst während der Arbeit am Stück wurde mir klar, wie hoch emotionalisiert das Thema ist, obwohl die Debatte um das Verbot schon ein Jahr zurück lag. Es brachen, selbst bei unseren Abendessen, handfeste Streitereien aus, sobald man auf das Thema zu sprechen kam.</p>
	<p><strong>Andras Siebold :</strong> Man darf die Tragweite dieses Buchverbotes nicht gering einschätzen. Für einen Schriftsteller, der einige Jahre an einem Buch gearbeitet hat, ist es grundsätzlich alles andere als eine glückliche Wendung, wenn das Buch nicht erscheinen kann. Es gibt eine Reihe von Menschen, die gesagt haben: „Ist doch gut für Maxim Biller, dieser Verlauf; das Verbot war das beste, was ihm passieren konnte, weil „Esra“ als nicht erschienenes Buch ihn bekannter gemacht hat als alle seine verlegten Romane“. Es ist aber nicht so, dass Maxim irgendwelche Vorteile aus dieser Situation hätte ziehen können, auch weil er als Schriftsteller schon vor „Esra“ hohe Bekanntheit hatte. Um Popularität brauchte er sich keine Sorgen machen. Er steht nach all dem mit einem Buch da, an dem er lange und ernsthaft geschrieben hat, und das nie jemand lesen wird. Das Buch ist weg. Man hat ihm mit dem Publikationsverbot ein Stück seiner künstlerischen Biografie genommen.</p>
	<p><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Arno_Declair_1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-778" title="Esra_Arno_Declair_#1" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Arno_Declair_1.jpg" alt="Esra_Arno_Declair_#1" width="500" height="753" /></a></p>
	<p><strong>DARE: </strong>Was sagt der Prozess über künstlerische Schranken in unserer offenen Gesellschaft aus?</p>
	<p><strong>Angela Richter</strong>: Die Debatte und die Entscheidungen um den Roman drohen einen Präzedenzfall zu schaffen. Das Verbot ist einfach nicht richtig. Es steht in einem eklatanten Widerspruch zu der Zeit, in der wir leben. Ich fühle mich als Kulturschaffende in die fünfziger Jahre versetzt. Die, wenn man so will, wirklich heiklen Passagen der Ich-Erzählung sind die Psychogramme der beiden Frauenfiguren, Esras und ihrer Mutter. Als Begründung für die Verletzung der Persönlichkeitsrechte werden aber die zwar expliziten, aber nicht einmal besonders provokanten Sex-Szenen des Buches herangezogen. Das ist etwas, das sich meinetwegen juristisch begründen lässt, für mich aber nicht einleuchtend ist. Ein Romanverbot ist ein unglaublich starker Eingriff in die künstlerischen Freiheiten, und das wird in diesem Fall mit der reichlich harmlosen Schilderung von Sex zwischen dem Erzähler und der weiblichen Romanhauptfigur begründet. Ich fand das sehr unverständlich.</p>
	<p><strong>Andras Siebold:</strong> Die Prozessgeschichte um den Roman ist ja reichlich kompliziert und komplex. Man ging durch mehrere Revisionen und viele Instanzen, die alle sehr unterschiedlich geurteilt haben. Selbst das nun gültige Urteil des Bundesverfassungsgerichtes wurde mit drei zu fünf Stimmen entschieden. Das Verbot wurde von einigen der Richter für absolut falsch gehalten und mit scharfen Worten gerügt. Daran lässt sich erkennen, dass „Esra“ eben kein Buch ist, das jemanden ganz offensichtlich diffamiert oder bloßstellt. Sondern dass die Schilderung der Figuren durchaus unterschiedlich gesehen werden kann.</p>
	<p><strong>DARE:</strong> Was sagt dieses bald sechs Jahre währende Kabinettsstückchen über Pop, Boulevard und Storytelling aus? Die Geschichte an sich ist eine Dramaturgie auf verschiedensten Handlungsebenen: Prozessgeschichte, Feuilleton, Literaturwissenschaft, strittige Abendgespräche wie bei eurer Probenarbeit, Theaterinszenierung. Hier werden um einen kulturellen Gravitationskern herum neue Formate geschaffen. Ist das, was sich um den Roman herum aufbaut, letztlich spannender als der Roman selbst?</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Mir hat das Buch zunächst einfach gefallen. Offensichtlich ist das Thema so relevant, dass es auf sehr viel Interesse gestoßen ist. Offenbar ein Thema, mit dem sich viele Leute beschäftigt haben. Nachdem wir die Inszenierung im ersten Jahr nicht machen konnten, dachte ich noch: Gut, dann wird der Staub sich etwas legen, wir surfen nicht mehr auf der Welle dieses Verbotes. Seltsamerweise ist die Geschichte auch dieses Jahr noch ein Reizthema.</p>
	<p><strong>DARE:</strong> Und das Stück macht beides: Es funktioniert als Reflexion über das, was gewesen ist, ist aber auch ein neuer Baustein, der das System weiter befeuert.</p>
	<p><strong>Andras Siebold: </strong>Die Motivation für das Projekt entstand auf keinen Fall aus dem Gedanken, dass man durch die Inszenierung des Stücks in der ersten Reihe mitspielen könne. Wir haben das reflektiert, aber es war kein Ausgangsgedanke. Die Entscheidung, den „Fall Esra“ auf die Bühne zu bringen, kam, nachdem wir das Buch gelesen haben. Es gab einen Riesenhype um ein verbotenes Buch, aber für uns wurde es erst interessant, als wir es gelesen hatten, und uns selbst fragten, warum eine solche Erzählung verboten wurde. Das Theater ist genau der Raum, in dem solche Debatten stattfinden können. Das Buch kann niemand mehr bekommen. Aber das Theater kann genau hier wieder eine politische Funktion einnehmen, indem es einen Bereich schafft für ein verbotenes Stück Kunst. Wir akzeptieren nicht, dieses Buch einfach untergehen zu lassen, sondern wollen, mit den Möglichkeiten des Theaters versuchen, den Roman ein bisschen länger am Leben zu halten. Es ging nicht darum, „Esra“ auf die Bühne zu bringen, sondern darum, darüber sprechen zu können, warum „Esra“ verboten wurde. Wie eine solche Theaterfassung dramaturgisch und juristisch tragfähig ist, darüber haben wir viele Versuche unternommen, vieles ausprobiert und wieder fallen lassen.</p>
	<p><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Arno_Declair_2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-779" title="Esra_Arno_Declair_#2" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Arno_Declair_2.jpg" alt="Esra_Arno_Declair_#2" width="500" height="753" /></a></p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Am Anfang dachte ich zunächst: „Die Sex-Szenen brauchen wir gar nicht, die können wir weglassen“. aber komischerweise hat es sich relativ spät als zwangsläufig erwiesen, genau eine Sex-Szene zeigen zu müssen. Nicht aus Gründen der Provokation, sondern aus dramaturgischer Notwendigkeit, weil sich zuvor immer eine Lücke auftat, die sich erst mit dieser Szene schließen ließ. Es entwickelte sich hier eine sehr merkwürdige Dynamik. Eine Möglichkeit, die durch das Urteil diffamierten Sex-Szenen einmal als das zu zeigen, als was sie gedacht waren: Eine Liebeserklärung. Und darüber hinaus zu zeigen, wie schnell diese Liebeserklärung umkippen kann. Als Yuri Englert auf der Bühne begann, seinen Text zu flüstern, verbreitete das zuerst eine starke Intimität, die sich wellenartig unter den Zuschauern und den Schauspielern ausbreitete. Ab einem gewissen Punkt fing es dann an dreckig zu werden. Es kippte um, in dem Moment, als Sebastian Blomberg, der Mann fürs Grobe, dazu kam und sich faktisch einen drauf ´runter holte. Auf eine Szene, die das eigentlich gar nicht her gibt. Hier zeigt sich, wie filigran die Wahrnehmung ist und wo die Verletzlichkeit – auch die der Frau – anfängt.</p>
	<p><strong>Andras Siebold: </strong>Wir wollten nicht das Buch, aber das Thema des Buches auf die Bühne übertragen. Und hier beginnt das Spiel mit Realität und Fiktion – und die Kolportage. Das Buch spielt ganz stark mit der postmodernen Unterscheidung zwischen Autor-Ich und Erzähler-Ich. Wir haben einen deutsch-jüdischen Autor, Maxim Biller, der ein Buch schreibt über einen Erzähler, den deutsch-jüdischen Autor Adam. Biller spielt in dem Roman mit der vermeintlichen Realität und Fiktion, wobei es nicht einmal darum geht, den Unterschied zwischen beiden an verschiedenen Stellen herauszufinden. Es geht ihm um die Lust an diesem Spiel. Das war auch der Trick bei der Inszenierung: Dass plötzlich Schauspieler auf der Bühne stehen, wie Sebastian Blomberg, der boulevardlastige intime Tatsachen aus seinem eigenen Leben beschreibt, die man bei Google nachlesen kann. Und dann daraus eine Rede macht, die eindeutig obszön ist, pornografisch: Je mehr man sieht, desto weniger toll wird es.</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Je lauter er zum Ende hin brüllt, desto mehr hat sich die Wahrheit über die offen geschilderte Beziehung zwischen Blomberg und Maria Schrader in Luft aufgelöst. Der Akt an sich war so künstlich geschildert, dass alles absurd wurde. Es geht nicht darum, was stimmt, es geht um die Hybris der Behauptung. Darum, auf der Bühne eine theatralische Figur aus zusammengesetztem, vorgefundenem Material zu schaffen.</p>
	<p><strong>Andras Siebold: </strong>Auch bei der Lesung aus dem Manuskript: Vielleicht hat Yuri Englert einen Textauszug aus dem Roman im Original gelesen, vielleicht war es aber auch ein ganz anderes Fragment. Auch hier: Das Spiel mit der Fiktion und der Herkunft dessen, was inszeniert wurde. Da liest jemand auf der Bühne aus einem Buch, und er verhält sich dabei so, als lese er einen verbotenen Text vor. Wir konnten dieses Spiel auf der Bühne auch genau deshalb spielen, weil fast niemand das Buch gelesen hat. Außer ein paar Journalisten, die das eine oder andere Ansichtsexemplar bekommen hatten, war den Zuschauern der Originaltext unbekannt.</p>
	<p><a href="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Arno_Declair_3.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-780" title="Esra_Arno_Declair_#3" src="http://blog.daremag.de/wp-content/uploads/2009/11/Esra_Arno_Declair_3.jpg" alt="Esra_Arno_Declair_#3" width="500" height="341" /></a></p>
	<p><strong>DARE: </strong>Welches Gefühl bleibt für Euch mit der Inszenierung des &#8220;Fall Esra&#8221; in einem Zwischenrückblick stehen? Überwiegt die Angst, dass mit dem Urteil ein Präzedenzfall geschaffen wurde, oder das Gefühl, mit der Aufführung den gerade richtigen Weg des Umgangs mit dem Kontext des thematischen Komplexes gefunden zu haben?</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Die Inszenierung hat einen Impuls gegeben. Das Verbot bleibt, ist durch nichts zu revidieren. Uns war daran gelegen, zumindest ein Statement zu geben. Die Prozesse zu „Esra“ waren letztlich kein kleiner Verbotsfall, sondern eine traurige Episode in der Frage, „Was darf die Kunst und was nicht?“. Ein Stück darüber zu machen, half ein wenig gegen unsere eigene Hilflosigkeit.</p>
	<p><strong>Andras Siebold: </strong>Genau das kann das Theater leisten, mehr als eine Petition von Schriftstellerkollegen. Maxim Biller sagte uns, er habe sehr lange darauf warten müssen, dass sich jemand mit ihm solidarisiert und die Tragweite dieses Falles erkennt. Als Künstler, egal in welcher Sparte, ist man aufgerufen und steht in der Verantwortung, einen Kollegen in so einer Situation nicht hängen zu lassen. Auch wenn es sich um Maxim Biller handelt, der für manche ein rotes Tuch ist, der polarisiert und angriffslustig ist und selbst viel ausgeteilt hat.</p>
	<p><strong>Angela Richter: </strong>Die Geschichte um den Roman „Esra“ bot alles, was für einen Theaterzuschauer spannend ist: Es ist ein Rosenkrieg, ein Krieg zwischen der Kunst und dem Persönlichkeitsrecht, ein Krieg auf ganz verschiedenen Ebenen. Das machte den Fall schon ohne Inszenierung zu einem Stück für das Theater. Es war praktisch schon geschrieben. Wir haben diesen Fall für die Bühne „verkünstlicht“, ohne verlogene Authentizität, aber auch ohne Entblößung und pure Bauchnabelschau. Die Bilder des Stückes haben unsere Schauspieler an sich selbst ausprobiert, aus sich selbst heraus hergestellt. Den „Fall Esra“ erleben sie am eigenen Leib.</p>
	<p><em>Das Gespräch findet sich im DARE Magazin &#8220;Ikonen&#8221; Ausgabe Oktober 2009.</em></p>
	<p><em>Fotos: Pressestelle Kampnagel. Von oben nach unten: ddp, Udo Rauer, 3x Arno Declair</em></p>
	<p><strong>Links zum Thema</strong></p>
	<p>Achtung! Jetzt kommt der Intimsex! (<a href="http://www.faz.net/s/Rub4D7EDEFA6BB3438E85981C05ED63D788/Doc~E87B52E80A385442C93B6990072F5B40B~ATpl~Ecommon~Scontent.html">Frankfurter Allgemeine Zeitung 04.04.2009</a>)<br />
Theater für die Kunstfreiheit (<a href="http://www.focus.de/kultur/kunst/der-fall-esra-theater-fuer-die-kunstfreiheit_aid_386529.html">Focus 02.04.2009</a>)<br />
&#8220;Der Fall Esra&#8221; auf der Bühne (<a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,606147,00.html">Spiegel 07.02.2009</a>)
</p>
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